ZEIT ONLINE: Herr Corneo, zahlen die Reichen in Deutschland zu viel oder zu wenig Steuern?

Giacomo Corneo: Aus der ökonomischen Perspektive lautet die Antwort: zu wenig.

ZEIT ONLINE: Warum?

Corneo: In den vergangenen zwei Jahrzehnten beobachten wir eine Konzentration der Nettoeinkommen an der Spitze der Einkommenshierarchie . Das trifft nicht nur auf Deutschland zu, sondern auf die meisten entwickelten Volkswirtschaften. Die deutsche Entwicklung ist aber extrem: Die rund 5.000 Haushalte mit den höchsten Einkommen konnten seit Mitte der neunziger Jahre ihren Anteil am Gesamteinkommen um rund 50 Prozent steigern. Die Realeinkommen aller Deutschen sind in dieser Zeit stagniert. Wir erleben eine gewaltige Spaltung .

ZEIT ONLINE: Warum ist das ein Argument für höhere Steuern für Reiche?

Corneo: Weil verschiedene Studien zeigen, dass größere Unterschiede zwischen Arm und Reich auch größere soziale Probleme mit sich bringen. Ungleiche Staaten schneiden schlechter ab, wenn es etwa um Kriminalität, Gewalt oder andere soziale Indikatoren geht. Es gibt aber auch ein einfaches Argument für mehr Umverteilung: Jeder Euro, den der Staat den Reichen nimmt und den Armen gibt, stiftet einen größeren Nutzen. Zehn Euro mehr sind für einen Hartz-IV-Empfänger ein erheblicher Betrag. Bei einem Millionär fallen sie nicht ins Gewicht. Deshalb lautet eine goldene Regel der Finanzwissenschaft: Wenn sich die Markteinkommen spreizen, sollte das Steuersystem progressiver werden.

ZEIT ONLINE: Das wäre das Gegenteil von dem, was derzeit der Verfassungsrechtler Paul Kirchhof vorschlägt . Er will einen einheitlichen Steuersatz von 25 Prozent – dafür aber alle Ausnahmen abschaffen.

Corneo: Ich bin auch dafür, das Steuersystem einfacher zu machen. Aber ich verstehe nicht, warum es eine Flat Tax sein soll. Der progressive Steuertarif macht doch nur einen Bruchteil der Komplexität unseres Steuersystems aus. Im Grunde sind die Tarife transparent und keinesfalls so komplex. Es sind die zahlreichen Ausnahmen, die man begrenzen sollte. Eine Flat Tax, wie sie Kirchhof will, ist ohne Steuerausfälle aber nicht zu machen. Eine solche Idee mag in eine Zeit passen, in der die Einkommen fast gleich geworden sind. Weltweit aber driften die Gesellschaften auseinander. Der Staat sollte deshalb alle Möglichkeiten nutzen, diese Ungleichheit zu bekämpfen, wenn er nicht das bewährte Gesellschaftsmodell aufgeben will.

ZEIT ONLINE: Und sie sagen: Der Staat nutzt seine Möglichkeiten zu wenig?

Corneo: Ja. Wir haben unlängst in einer Studie untersucht, wie sich das Steueraufkommen unter den Beziehern von sehr hohen Einkommen entwickelt hat. Das Ergebnis: Seit den Neunziger Jahren blieb ihr Anteil weitgehend konstant. Das mag nach einer guten Nachricht klingen, aber das stimmt nicht, denn die Bruttoeinkommen sind am oberen Rand währenddessen stark gewachsen. Der Staat verschenkt also Einnahmen. Ein Grund waren verschiedene Steuerreformen – zuletzt jene des früheren Finanzministers Hans Eichel. Sie hatten sinkende Spitzensteuersätze zur Folge und waren ökonomisch ein Fehler. Der Staat fördert damit sogar die Konzentration am oberen Rand. Die reale Steuerbelastung der Superreichen in Deutschland beträgt – unter anderem wegen der vielen Ausnahmen im Steuerrecht – etwas mehr als 30 Prozent. Die Reichen kommen zu leicht davon.

ZEIT ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Corneo: Der Spitzensteuersatz in Deutschland sollte so angepasst werden, dass er ein maximales Aufkommen generiert. Unseren Berechnungen zufolge wäre es sinnvoll, den Steuersatz ab einem Jahreseinkommen von 700.000 für Verheiratete und 350.000 für Alleinstehende auf rund 2/3 anzuheben. Also 66,6 Prozent inklusiv Soli. Das wäre optimal, wenn es zu keinen Wohnsitzverlagerungen ins Ausland käme.