Wer erinnert sich noch an den amerikanischen Versicherungskonzern AIG? Im September 2008 stand der Riese kurz vor der Pleite. Die amerikanische Regierung und die Zentralbank gaben 180 Milliarden Dollar, um den Bankrott zu verhindern. Man fürchtete, AIG würde die großen Banken der Welt mit in den Abgrund reißen. Diese nämlich hatten jahrelang einen Großteil ihrer Kreditrisiken in Form von Credit Default Swaps (Kreditausfallversicherungen oder CDS) an AIG übertragen. Im Gegenzug kassierte AIG Prämien. Eine angemessene Vorsorge für den Fall, dass die Kredite tatsächlich ausfallen und die Versicherungen damit fällig würden, traf der Gigant nicht.

Auch in der Euro-Krise spielen CDS eine Rolle. "Wenn es Banken gibt, die sehr viele Kreditversicherungen für griechische Anleihen verkauft haben, könnte es passieren, dass sie im Falle einer Staatspleite illiquide werden und dann unter Umständen gestützt werden müssen", sagt Thomas Mählmann, Professor an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Experte für Risikomanagement.

Auch wegen der CDS fürchteten manche europäischen Politiker vor dem Brüsseler Schuldengipfel nichts mehr als eine zwangsweise Beteiligung der Banken an den griechischen Verlusten. Ihre Sorge: Eine Zwangsbeteiligung könnte als Zahlungsausfall Griechenlands gewertet werden. Dann würden die Kreditausfallversicherungen fällig, und die Banken müssten zahlen. Im schlimmsten Fall entstünde so eine Kettenreaktion. Die größte Sorge bereite ihm, dass niemand wisse, wer wie viele CDS für griechische Anleihen halte, hatte Jochen Sanio, Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin, gewarnt.

Bislang sei kein Instrumentarium implementiert worden, das ausschließen würde, dass die Banken durch Kreditausfallversicherungen ins Straucheln kämen, sagt der Risikoexperte Mählmann. Zwar gebe es Pläne zur Regulierung der CDS-Märkte. Sie sehen zum Beispiel vor, dass Marktteilnehmer Informationen zur Verfügung stellen müssen über die Größe und den Zweck ihrer Positionen. Da aber alle Regeln in internationalem Konsens beschlossen und von den zuständigen Behörden auf nationaler Ebene umgesetzt werden müssten, sei es noch ein langer Weg zu einer einheitlichen Regelung.

"Wir haben noch nicht das Maß an Transparenz, das wir in einigen Jahren erreichen werden", meint auch Darrell Duffie, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Stanford und einer der renommiertesten Derivate-Experten der USA. "Aber es gibt mehr Informationen als im Jahr 2008, weil die Aufsicht dem Thema mehr Beachtung schenkt und die DTCC das Volumen der CDS veröffentlicht."

DTCC ist das Kürzel des amerikanischen Finanzdienstleisters Depository Trust & Clearing Corporation. Das Unternehmen habe "eine entscheidende Rolle dabei gespielt, größere Transparenz und Risikokontrolle in den Markt zu bringen", sagt die Vizepräsidentin Judith Inosanto. Auch die Aufsichtsbehörden könnten über das DTCC-Onlineportal für sie relevante Informationen über den Markt erhalten.

Ein Grund zur Panik sind die von der DTCC veröffentlichten Zahlen nicht: Höchstens 4,6 Milliarden Dollar an CDS-Zahlungen würden im Falle einer Pleite Griechenlands fällig, geht daraus hervor. "Das sind gerade einmal 1,4 Prozent der ausstehenden Anleihen", sagt Finanzprofessor Duffie. "Das ist wirklich keine große Sache, verglichen mit dem Gesamtrisiko." Auf die Frage, ob es auch Credit Default Swaps geben könnte, die in der Statistik nicht auftauchen, antwortet der Experte: "Wenn jemand nicht von der DTCC registriert werden will, könnte er über einen sehr obskuren Händler gehen oder eine exotische Form des Kontrakts wählen. Es gibt aber keine Hinweise, dass solche Geschäfte in nennenswertem Umfang getätigt werden."

Darüber, ob ein Zahlungsausfall vorliegt, der eine CDS-Zahlung bewirkt, entscheiden übrigens nicht etwa die Rating-Agenturen , sondern ein Ausschuss der Handelsorganisation International Swaps & Derivatives Association (ISDA) . Ihm gehören Vertreter der führenden Banken an. Klar ist: Eine Umschuldung, wie sie am vergangenen Donnerstag beschlossen wurde, führt nicht zu einer Auszahlung der CDS. Da kein Zwang auf alle Gläubiger ausgeübt werde, handle es sich um "einen freiwilligen Umtausch", erklärt David Geen, Chefjurist der ISDA.