ZEIT ONLINE: Herr Waigel, Sie haben 1998 dem Bundestag versichert, die Übernahme von Schulden anderer Euro-Staaten sei ausdrücklich ausgeschlossen, jedes Land müsse für sich selbst sorgen. Würden Sie das heute immer noch sagen?

Theo Waigel: Selbstverständlich. Die No-Bail-Out -Klausel ist richtig und sie bleibt das auch. Wir übernehmen keine Schulden anderer Länder, wir werden keine Haftungsgemeinschaft. Aber niemand kann uns verbieten, Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten.

ZEIT ONLINE: Verstehen Sie, dass die Bürger diese feine Unterscheidung nicht machen?

Waigel: In der Öffentlichkeit werden viele Dinge durcheinander geworfen. Niemand macht den Bürgern klar, was ein Kredit, eine Garantie, eine Bürgschaft und was eine Einlage ist. Man müsste den Menschen erklären, dass die Bareinlage beim neuen Rettungsschirm ein Asset der Bundesrepublik bleibt.

ZEIT ONLINE: Die Euro-Skepsis ist nur ein Verständnisproblem?

Waigel: Ich bin fast täglich in irgendeiner Veranstaltung. Da sind nicht alle meiner Meinung. Aber die allermeisten sagen hinterher: Das haben Sie uns jetzt einleuchtend dargestellt, wir verstehen die Dinge jetzt wieder besser. Kaum einer weiß beispielsweise, dass die EZB die griechischen Anleihen zum Discountpreis gekauft hat; dass die Papiere bei den Notenbanken täglich neu bewertet und mit Sicherheiten der entsprechenden Banken unterlegt werden müssen. Die EZB ist keine Bad Bank!

ZEIT ONLINE: Zeigt die Krise nicht, dass die Währungsunion falsch konstruiert ist?

Waigel: Nein. Die Instrumente, die zur Verfügung stehen, sind nicht angewandt worden.

ZEIT ONLINE: Sie meinen den Stabilitätspakt, der eine Begrenzung der Staatsschulden vorsieht. Hätte seine Einhaltung die Krise verhindert?

Waigel: Natürlich hätten wir die Finanzkrise von 2008 trotzdem erlebt. Aber sie hätte uns nicht so stark getroffen. Der Sündenfall war, dass ausgerechnet Deutschland und Frankreich schon 2003 den Stabilitätspakt ausgehöhlt haben. Das hat die Finanzdisziplin in der ganzen Eurozone durcheinandergebracht. Auch die Koordinierung der Wirtschaftspolitik, die im Vertrag vorgesehen war, wurde nicht umgesetzt. Eine Währungsunion ist schließlich kein Selbstläufer. Zudem hätte Griechenland nie in den Euroraum aufgenommen werden dürfen.

ZEIT ONLINE : Das Versagen der Instrumente war doch schon bei der Einführung des Euros absehbar. Die Entscheidung über Sanktionen für Haushaltssünder wurde schließlich der Politik überlassen.

Waigel: Ich hätte mir einen Stabilitätspakt mit stärkeren, automatischen Sanktionen gewünscht, aber das war nicht durchsetzbar.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass es jetzt anders wird?

Waigel: Am Ende werden die richtigen Entscheidungen getroffen. Eine Änderung von EU-Verträgen ist keine Sache von wenigen Monaten. Denken Sie daran, wie lange die Aushandlung der Maastricht-Verträge dauerte.

ZEIT ONLINE: Wie stellen Sie sich eine Koordinierung der Wirtschaftspolitik in Europa genau vor? Soll es eine Wirtschaftsregierung geben, wie sie die Franzosen fordern?

Waigel: Nein. Die EU-Kommission verfügt über die entsprechenden Ressourcen. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass Haushaltsentwürfe zunächst nach Brüssel gehen, dort diskutiert und bei Bedarf mit Empfehlungen versehen werden. Außerdem sollten Produktivität, Arbeitszeiten und andere Indikatoren miteinander verglichen werden. Die letzte Entscheidung über den Haushalt und die Wirtschaftspolitik müsste aber natürlich bei den nationalen Parlamenten liegen.