Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat den Umgang der Politik mit der Euro-Krise kritisiert. "Die Vielstimmigkeit in den öffentlichen Diskussionen der vergangenen Wochen (...) hat jedenfalls nicht dazu beigetragen, Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der Politik zu schaffen", sagte Weidmann im Gespräch mit der ZEIT. Insbesondere die von der Bundesregierung betriebene Beteiligung von Banken und Versicherungen an den Kosten der Rettung sei problematisch. "Es birgt im gegenwärtigen Umfeld mehr Risiken als Chancen, die Gewährung weiterer Hilfen der Staatengemeinschaft an den Zwang zur Beteiligung des Privatsektors zu knüpfen", sagte Weidmann.

Weidmann war vor knapp drei Monaten vom Kanzleramt an die Spitze der Bundesbank gewechselt und riskiert nun einen Konflikt mit seinem früheren Arbeitgeber. Die Bundesbank sei zwar nicht grundsätzlich gegen eine Beteiligung privater Gläubiger, sagte er. Angesichts der "Ansteckungseffekte und den daraus resultierenden Belastungen für die Steuerzahler" sei von einem solchen Weg derzeit jedoch abzuraten.

Weidmann zeigte sich zuversichtlich, dass die Lage in Italien unter Kontrolle gebracht werden kann. "Italien kann seine Probleme aus eigener Kraft lösen", sagte Weidmann. Es handle sich um eine Volkswirtschaft mit einer starken Industrie- und Exportbasis. Das Land brauche aber ein "konsequentes Sparprogramm".

Der Bundesbankpräsident sprach sich dagegen aus, zur Linderung der Krise die Zinsen auf die Rettungskredite zu senken. Auch dem europäischen Rettungsfonds solle nicht erlaubt werden, Staatsanleihen der Krisenländer zu kaufen wie es Brüssel plant. "Das hätte hohe Kosten, einen geringen Nutzen und gefährliche Nebenwirkungen zur Folge", sagte er.

Weidmann warnte auch davor, den Rating-Agenturen die Schuld an der Eskalation der Krise zu geben. Zwar sei die Kritik in Teilen berechtigt, jedoch lenke sie von den eigentlichen Problemen ab. Die kritisierten Bonitätsnoten spiegelten reale wirtschaftliche Probleme in den betroffenen Ländern wider. "Diese Probleme und ihre oft zu zögerliche Bewältigung machen mir viel mehr Sorgen als die Urteile der Agenturen", sagte er.

Weidmann gegen Steuersenkungen

Auch die Steuersenkungspläne der Regierung sieht Weidmann kritisch. "Angesichts der Risiken in der Finanzplanung und eines krisenbedingt sehr hohen Schuldenstands muss die Haushaltskonsolidierung Vorrang haben", sagte Weidmann der ZEIT. Zudem könne eine Steuersenkung "die ohnehin schon lebhafte Konjunktur zusätzlich befeuern" und damit schädliche Inflationstendenzen verstärken.

Den Einwand, durch die Steuersenkungen würde die Bevölkerung am Aufschwung beteiligt, wies er zurück. Auch ohne eine Entlastung würden die Menschen von der konjunkturellen Belebung profitieren. "Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Beschäftigung wächst, und die Löhne ziehen an." Durch den Anstieg der Einkommen bliebe der Bevölkerung auch nach Abzug der Inflation "ein deutliches Plus".

Allenfalls Maßnahmen zur Kompensation der sogenannten kalten Progression seien denkbar, "aber nur bei entsprechender Gegenfinanzierung. Das heißt, die Einnahmeverluste müssten durch Einsparungen an anderer Stelle ausgeglichen werden."