Rund drei Jahre ist es her, dass die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers pleite ging. Erholt hat sich die Weltwirtschaft noch lange nicht. Europa und die USA stecken im Schuldenloch, das Wirtschaftswachstum stagniert weltweit, Bankaktien sind im Keller. Schon warnen Experten vor einer neuen Finanzkrise. Europas Banken könnte durchaus ein "Lehman-Moment" bevorstehen, sagte Simon Johnson, Professor an der MIT Sloan School of Management und ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, vor rund drei Monaten in einem Interview. An dieser Einschätzung hält er fest: "Das europäische Bankensystem bleibt unterkapitalisiert und anfällig für einen Vertrauensverlust. Wir sind dabei, die Grenze dessen auszuloten, was die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihren Liquiditätsspritzen ausrichten kann", schreibt er in einer E-Mail an ZEIT ONLINE.

Wie prekär die Lage ist, zeigt unter anderem die Situation auf den Geldmärkten, insbesondere der Interbankenhandel. Bereits zu Beginn der Finanzkrise im Spätsommer 2007 war er einer der ersten Brennpunkte gewesen, lange vor dem Lehman-Bankrott. Im offiziellen Bericht des vom US-Kongress eingesetzten Ausschusses zur Untersuchung der Ursachen der Finanzkrise heißt es dazu: "Da die Marktteilnehmer unsicher waren, wie stark die anderen in den Subprimesektor involviert waren, beeilten sie sich, ihre eigene Liquidität zu erhöhen. Die Bereitschaft der Banken, einander Geld zu leihen, sank. Der sogenannte LIBOR-OIS-Spread, ein aufmerksam verfolgter Indikator des Interbankenzinses, weitete sich aus und zeigte damit an, dass Banken über das Kreditrisiko bei der Darlehensvergabe an andere Banken besorgt waren."

Dieses Barometer für die Stabilität des Finanzsystems steht nun wieder im Blickpunkt. Mehrere große europäische Finanzzeitungen schrieben diese Woche über den jüngsten Anstieg dieses Spreads und deuteten ihn als ein Zeichen schwindenden Vertrauens. In dieses Bild passt eine Zahl, die normalerweise weitgehend unbeachtet bleibt: das Volumen der Gelder, die Kreditinstitute bei der Europäischen Zentralbank parken. "Banken in bestimmten Regionen des Euro-Gebietes bevorzugen es, ihre überschüssige Liquidität bei der EZB zu deponieren, anstatt sie an andere Banken auszuleihen. Dieses Signal nehmen wir ernst", sagte EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark dem Handelsblatt .

Die Banken begnügen sich in diesem Fall mit einem niedrigeren Zins, als sie im Interbankenmarkt bekommen würden. Im Vordergrund steht also nicht der Rendite-, sondern der Sicherheitsaspekt, erläutert Dorothea Schäfer, Banken- und Finanzmarktexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): "Was ich nicht anderen Banken geliehen habe, kann mir auch nicht durch einen Ausfall abhanden kommen. Was bei der EZB über Nacht liegt, steht am nächsten Tag auf jeden Fall wieder zur Verfügung."