ZEIT ONLINE:China hat die USA wegen ihrer hohen Verschuldung kritisiert. Meint irgendwer, das sei jetzt hilfreich?

Wang Fuzhong: Ich glaube, dass die chinesische Regierung sich um ihre Volkswirtschaft sorgt und Schuld für eigene Fehler auf Amerika schiebt. Auf diese Weise kann man heimische Kritiker ablenken. China ist schon seit langem klar, dass der Dollar eines Tages schwächer werden wird. Es musste aber trotzdem weitere Dollar anhäufen, damit die eigene Währung Renminbi nicht aufwertet. Nur so können die Exporte stabil bleiben und weiteres Wachstum garantieren. China hat ein schweres Suchtproblem, was US-Dollar betrifft!

ZEIT ONLINE: Aber jetzt sagt eine amerikanische Rating-Agentur: Die Kreditwürdigkeit der USA ist gesunken.

Wang: Dass die USA als Land ein Downgrade erhalten haben, bedeutet nicht notwendigerweise, dass auch amerikanische Staatsanleihen (wie China sie hält, Anm.d.Red.) ein Downgrade erhalten. Das ist ein Missverständnis. Amerika hält sich an seine Zusagen. Bis jetzt waren US-Treasuries die sicherste Finanzanlage in der Welt, und sie werden noch lange Chinas bevorzugte Form sein, um Reserven zu halten.

ZEIT ONLINE: Die USA und China brauchen einander also.

Wang: Ich denke, dass die US-amerikanische und die chinesische Volkswirtschaft ein unnormales Verhältnis haben, in dem der ärmere Partner dem reicheren Partner Geld leiht, damit der mehr ausgeben kann. China verleiht Geld an das reichste Land der Welt! Und China hat eine Neigung, zu sparen und dabei zu vergessen, auch mal etwas auszugeben. Das muss sich irgendwann mal ändern. Es ist jetzt an der Zeit, den Fokus zu verändern: auf heimisches Wachstum und persönlichen Wohlstandsgewinn. Wir müssen die Einkommensverteilung verändern, um die Leute dazu zu bringen, mehr auszugeben.

ZEIT ONLINE: Wenn China sich unabhängiger vom US-Dollar machen will, müsste es sich dann auch von seiner starken Exportorientierung verabschieden?

Wang: Ja, es ist Zeit das zu ändern, und China muss sich jetzt darum kümmern. Nicht nur die Wirtschaftsstruktur muss sich wandeln, sondern auch das politische System, wie Premier Wen Jiabao es viele Male versprochen hat. Manche Experten fordern eine Reform des internationalen Währungssystems. Sie glauben, dass China als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt jetzt auch eine internationale Währung haben sollte.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie das auch?

Wang: Nein, ich glaube im Moment, dass es keine Währung gibt, die den US-Dollar ersetzen kann. Wenn der Renminbi eine internationale Währung werden soll, muss China zunächst sein internationales Währungssystem ändern. Der Wechselkurs sollte nicht kontrolliert sein. Er sollte sich frei am Markt finden. Und dann braucht China politische Reformen, um das Vertrauen und den Kredit der internationalen Gemeinschaft zu verdienen.

ZEIT ONLINE: Wie soll das konkret ablaufen?

Wang: Das Erste, was China tun sollte, ist aufhören, vor allem einem hohen nationalen Wirtschaftswachstum hinterherzurennen. In China haben wir kein Problem mit solchen Kennziffern, sondern mit dem individuellen Einkommen. Wer haben ein hohes Wirtschaftswachstum, aber wir sehen die Menschen nicht wohlhabend werden. Warum ist das so? Weil die staatlichen Unternehmen die wichtigsten Finanz- und sonstigen Wirtschaftssektoren kontrollieren. Ausländische Investoren dürfen in den Bankensektor investieren, aber heimische Investitionen von Privatunternehmen sind immer noch verboten. Wir müssen all das ändern, und darüber hinaus auch das Steuersystem.

Übersetzung: Thomas Fischermann