Was für ein Spektakel in Washington : Über Wochen zogen sich die Verhandlungen über die Erhöhung der Schuldenobergrenze hin, wurden Gesetzesvorlagen ent- und gleich wieder verworfen, Allianzen geschmiedet und verraten. Eine Pressekonferenz voller patriotischer Rhetorik jagte die nächste. Da blieb für die Bürger oft nur die Flucht in den Galgenhumor. "Kongressabgeordnete weiterhin uneins, ob die Nation in den wirtschaftlichen Ruin getrieben werden soll", beschrieb die Satirezeitung The Onion das Gerangel .

Erst im letzten Moment wurde die Zahlungsunfähigkeit der Supermacht abgewandt. Und weit schlimmer: Der späte Kompromiss, das ist allen Beteiligten bewusst, ist nur ein Notbehelf . Selbst abgebrühte Washington-Veteranen zeigten sich erschüttert über das Politiktheater. Es sei der "schlimmste Kongress der US-Geschichte", urteilte der Politikwissenschaftler Norman Ornstein. Dagegen scheinen die Europäer ihre Krise wesentlich besser im Griff zu haben. Nahezu geräuschlos schnürten die EU-Verantwortlichen vorvergangene Woche ein weiteres Rettungspaket für Griechenland.

Doch der Eindruck täuscht. Amerika steht besser da. Das jedenfalls behauptet Simon Johnson, der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). In Europa seien die Probleme nur weiter in die Zukunft geschoben worden, schreibt Johnson in einer aktuellen Analyse . "Das Kernproblem ist die fehlende Kontrolle der Fiskalpolitik in der Euro-Zone." Weil die Gläubiger von Ländern wie Griechenland, Irland und Portugal sich darauf verlassen konnten, dass ihre wohlhabenderen Nachbarn – etwa Deutschland – bei Bedarf einspringen würden, konnten sich die Regierungen billig verschulden.

Das kreierte moral hazard – ein moralisches Risiko für das System. Jetzt müssen die Investoren fürchten, dass sie wider Erwarten doch Verluste hinnehmen müssen. Doch nach Ansicht von Johnson wird es schwierig werden, die Euro-Zone zu reformieren. Besonders, wenn jetzt auch große Volkswirtschaften wie Italien betroffen sind. Nur ein "Wirtschaftswunder" könne die Schuldenprobleme lösen, meint der Ökonom. Und danach sieht es gar nicht aus.

Dagegen kämpften die USA mit einem vergleichsweise einfacheren Problem. Die Schulden seien größtenteils der Bankenkrise geschuldet, nicht der Verschwendung wie etwa im Fall Griechenlands. Die wirklichen Haushaltsprobleme der USA sind nicht die aktuellen Ausgaben. Für das Jahr 2021 erwartet Johnson – vor dem Abzug der Zinsen – sogar ein kleines Plus in der Washingtoner Haushaltskasse.