Vor allem ein Argument der Gegner von Euro-Bonds spielt derzeit in der öffentlichen Debatte eine Rolle: die steigenden Finanzierungskosten für deutsche Schulden. Würde Deutschland gemeinsam mit den anderen Euroländern Anleihen herausgeben, müsste der Staat wahrscheinlich mehr für seine Verbindlichkeiten bezahlen. Das Münchner Ifo-Institut schätzt die zusätzlichen Kosten auf bis zu 47 Milliarden Euro pro Jahr, das Bundesfinanzministerium auf 20 bis 25 Milliarden Euro.

Was die Kritiker der Gemeinschaftsanleihen nicht sagen: Zinsen auf einem Niveau, wie sie vermutlich für Euro-Bonds fällig würden, sind historisch betrachtet in Deutschland nicht die Ausnahme, sondern die Regel (siehe Grafik). Und: Selbst wenn die Finanzierungskosten durch Euro-Bonds steigen würden, wäre das Schuldenmachen für die Deutschen wahrscheinlich günstiger als in den meisten Jahren der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zumindest, wenn die Prognosen der Fachleute stimmen.

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Ein Grund dafür ist paradoxerweise die Krise selbst. Weil die Investoren derzeit in Scharen in deutsche Bundeswertpapiere flüchten und die Nachfrage auf ein knappes Angebot trifft, sind die Renditen auf einem historischen Tiefstand. Schulden zu machen, ist für die Deutschen momentan billig wie nie. Im August lag die Rendite auf Bundeswertpapiere im Monatsdurchschnitt bei nur zwei Prozent. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren, im September 2001, waren es noch 4,6 Prozent. 1991 lag der Schnitt im gleichen Monat zwischen acht und neun Prozent, 1981 bei elf Prozent, 1971 bei acht Prozent und 1961 bei sechs Prozent.

Zwar sind Renditen nicht gleich Zinsen. Zinsen werden festgelegt, wenn die Anleihe ausgegeben wird; Renditen bilden Marktschwankungen ab. Aber hohe Renditen ziehen hohe Zinsen auf neu emittierte Anleihen nach sich, denn sie weisen auf ein hohes Rückzahlungsrisiko hin. Und beide, Zinsen und Renditen, lagen in Deutschland in den vergangenen 50 Jahren nie niedriger als heute.

Besonders hoch stiegen die Renditen hingegen immer dann, wenn das Vertrauen der Anleger in Deutschlands Kreditwürdigkeit gering war und bei hoher Inflation. Beides ist derzeit nicht der Fall. "Wir haben eine hohe Nachfrage von Investoren, die nicht zu unserem klassischen Kundenstamm gehören", heißt es bei der Deutschen Finanzagentur , die die Schulden des Bundes verwaltet. "Deutsche Anleihen haben den Charakter eines sicheren Hafens." Es ist eine Wahrheit, die die Euro-Kritiker gerne vergessen: Nicht nur profitiert das Exportland Deutschland enorm vom schwachen Euro-Kurs. Die Krise hat auch dafür gesorgt, dass die Finanzierungskosten für deutsche Staatsschulden so gering sind wie seit Jahrzehnten nicht.

Die Schwäche der Krisenstaaten trägt dazu maßgeblich bei. Würden Euro-Bonds eingeführt, könnten sie wieder günstiger Schulden aufnehmen und sich möglicherweise aus der Schuldenspirale winden. Aber wie hoch lägen die Zinsen auf die Bonds? Das Ifo-Institut macht es sich verhältnismäßig einfach: Es geht in seinen Berechnungen vom Durchschnitt der Zinsen der Euroländer aus. Der lag Ende Juli bei 4,6 Prozent; der Zinssatz auf deutsche Anleihen bei 2,6 Prozent. Das ergab einen hypothetischen Aufschlag von zwei Prozentpunkten. Eine pessimistische Schätzung. Das Bundesfinanzministerium rechnet mit einem Aufschlag von rund 0,8 Prozentpunkten, andere Ökonomen gehen von Werten um 0,5 Prozentpunkte aus .

Tatsächlich weiß niemand, wie sich die Zinsen auf gemeinsame Anleihen wirklich entwickeln würden. Denkbar ist sogar, dass die Zinsen langfristig sinken, weil Euro-Bonds eine Anleihe wären, an der die Investoren kaum vorbei kämen. Aber selbst wenn die Renditen wirklich bis auf den Durchschnitt der Euroländer stiegen, wäre das für Deutschland kein Horrorszenario. Sie lägen dann etwa so hoch wie im Jahr 1998.