Die Zinsen im Euro-Raum bleiben bei 1,5 Prozent. Das hat der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) beschlossen. Volkswirte erwarten darum angesichts der schwächelnden Konjunktur und der Staatsschuldenkrise eine längere Zinspause. "Das Projekt Zinsnormalisierung liegt auf Eis – vermutlich für lange Zeit", sagte Helaba-Ökonom Ulf Krauss. Zuletzt hatten die Währungshüter den wichtigsten Zins im Euro-Raum im April und im Juli um jeweils 0,25 Punkte angehoben.

Zwar ließ der Preisdruck zuletzt infolge sinkender Ölpreise nach. Dennoch liegt die Inflation im Euroraum mit 2,5 Prozent immer noch weit über dem Zielwert der Notenbank, die eine Jahresteuerung knapp unter zwei Prozent anstrebt. Daher könnte man eigentlich erwarten, dass die Währungshüter nochmals den Zins erhöhen. Denn höhere Zinsen helfen im Kampf gegen die Inflation: Kredite werden tendenziell teurer, das mindert die Neigung von Unternehmen und Verbrauchern, zu investieren und zu konsumieren.

Ökonomen fordern Zinswende

Teurere Kredite könnten aber auch die Wirtschaft ausbremsen, und das nicht nur in Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Angesichts steigender Rezessionsängste hatten darum schon erste Ökonomen eine Zinswende gefordert. So empfahl etwa Julian Callow von Barclays Capital der EZB, den Leitzins wieder auf das Rekordtief von 1,0 Prozent zu senken. Damit könne das Risiko eines Rückfalls in die Rezession gesenkt werden.

Nach zwei Zinserhöhungen in Folge glauben viele Volkswirte allerdings nicht, dass die EZB die Zinsen in naher Zukunft wieder senkt. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sagte, solange die Finanzkrise nicht eskaliere wie im Jahr 2008 nach der Lehman-Pleite, "dürfte bei der EZB eher die Sorge über die Risiken einer zu expansiven Geldpolitik überwiegen." Die Notenbank habe wiederholt betont, dass zu niedrige Zinsen zu einer übertriebenen Risikobereitschaft führen könnten. Zudem würden zu niedrige Refinanzierungskosten verhindern, dass Schulden abgebaut würden. "Die Aussichten für die Wirtschaft und die Inflation müssten sich also markant verschlechtern, bevor die EZB bereit wäre, den Leitzins wieder auf sein Allzeittief von 1,0 Prozent zu senken."