ZEIT ONLINE: Herr Burghof, Anfang der Woche sagte Josef Ackermann, die Lage am Finanzmarkt erinnere an den Herbst 2008. Damals ging Lehman Brothers pleite. Hat er Recht?

Hans-Peter Burghof: Teilweise. Manches ist anders als damals. Die Banken haben mehr Eigenkapital und viele Risiken aus ihren Bilanzen gestrichen – das ist gut. Was schlecht ist: Staatsanleihen , die eigentlich immer die besten und sichersten Posten im Portfolio waren, sind heute ein unkalkulierbares Risiko. Das ist erschreckend. Wenn die Banken dadurch ins Schleudern kommen, müssen sie jetzt von denen gerettet werden, die selbst schon im Schleudern sind: von den Staaten. Die Bundesrepublik zum Beispiel verausgabt sich mit Garantien gerade vollkommen. 2008 konnte die Kanzlerin vor die Presse treten und sagen: Wir garantieren alles. Ob das heute noch glaubwürdig wäre – da habe ich meine Zweifel. 2008 hatten wir noch eine Kugel im Revolver; jetzt haben wir keine mehr. Man könnte auch sagen: Wir haben den Einsatz erhöht.

ZEIT ONLINE: Eine Parallele zu damals ist, dass die Banken sich gegenseitig nur noch zögerlich Geld leihen.

Burghof: Ja, das ist ein Problem. Der Inter-Banken-Markt ist wesentlich für die Effektivität einer Volkswirtschaft. Normalerweise leihen die Banken einander völlig problemlos Geld. Dazu ist aber uneingeschränktes Vertrauen nötig und das ist nicht mehr da. Wenn es so aussieht, als ob eine Bank Probleme bekommt, macht die andere nicht erst noch eine große Bonitätsprüfung; sie legt ihr Geld lieber gleich bei der Zentralbank an. Und die Zentralbank ist es auch, die schwachen Banken Kredite gibt. Sie gleicht also den fehlenden Geldfluss im System aus, indem sie es künstlich beatmet. Außerdem schreibt sie sich durch die Kredite ein nicht unerhebliches Risiko in die Bücher.

ZEIT ONLINE:Die Bankenaufsicht will, dass angeschlagene Institute künftig Kredite direkt vom Rettungs-Fonds EFSF bekommen.

Burghof: Der Fonds sollte die Banken nicht finanzieren. Dazu hat er nicht die Kompetenz. Das Problem ist: Wenn man die Banken wirklich retten will, muss man ihnen neue Kredite geben. Die Frage ist aber: Will man sie retten?

ZEIT ONLINE: Wollen Sie Banken pleitegehen lassen?

Burghof: Nicht vollständig. Irland zum Beispiel hat im Mai die Rückgabe von Anleihen seiner verstaatlichten Banken zu einem Preis von nur zehn bis 25 Prozent des Nennwertes erzwungen. Dadurch wurden die privaten Investoren erheblich an den Verlusten beteiligt. Das ist eine viel bessere Lösung, als zu sagen: Wir retten alles. Wenn ich sehe, wie günstig die Banken derzeit aus ihren Griechenland-Anleihen herauskommen, macht mich das wütend. Das sind Geldgeschenke an die Finanzindustrie.

ZEIT ONLINE: Sie finden: Es wird zu viel gerettet?

Burghof: Ja. Im Moment helfen wir allen; auch denen, die nur ein paar Griechenland-Anleihen haben und es leicht verkraften könnten, sie abzuschreiben. Deshalb wird es unnötig teuer. Am Ende zahlt das der Steuerzahler.

ZEIT ONLINE: Die große Angst ist doch, dass eine Bank bankrott geht und andere Institute in einen Abwärtsstrudel zieht, so wie 2008 Lehman Brothers .

Burghof: Diese Angst ist auch real. Aber wir verhindern so einen Domino-Effekt nicht, indem wir einfach einen großen Topf aufmachen und alle retten. Die Kapitalgeber kommen zu einfach weg. Das ist nicht marktwirtschaftlich und funktioniert deshalb letzten Endes auch nicht.

ZEIT ONLINE: Angenommen, es gehen Banken pleite, alles läuft schief – wie sieht ein Worst-Case-Szenario aus?

Burghof: Der schlimmste Fall ist, dass über die gemeinsame Haftung die europäische Kreditwürdigkeit erodiert. Dann könnten wir in Deutschland irgendwann unsere Infrastruktur nicht mehr finanzieren, die sehr anspruchsvoll ist und auf der unser erfolgreiches Wirtschaftsmodell beruht. Das würde unseren Wohlstand und die innere Sicherheit gefährden.