Rund sechs Monate nach der Fukushima-Katastrophe gibt es immer noch einige Staaten, die an der Atomenergie festhalten und sie sogar ausbauen wollen. Dazu gehören auch unsere direkten Nachbarstaaten und EU-Partner Tschechien und Polen. Woher kommt deren Atombegeisterung?

Für Tschechien ist diese Frage leicht zu beantworten. Das Land schöpft derzeit seine letzten Kohlereserven aus, besitzt aber zahlreiche Uranvorkommen. Zudem hat es ein hohes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen, muss aber gleichzeitig seinen CO2-Ausstoß reduzieren, um vereinbarte Klimaziele zu erreichen. Die Pläne Prags für einen Ausbau der CO2-armen Atomkraft sind also nachvollziehbar. 

Während sich die tschechische Atompolitik in der Vergangenheit wenig verändert hat, vollzog Polen dagegen in den letzten Jahren eine Kehrtwende. Die Bevölkerung hatte ursprünglich die Atompläne ihrer Regierung abgelehnt. Ein erstes Atomprogramm wurde Ende der achtziger Jahre nach heftigen Protesten infolge der Tschernobyl-Katastrophe wieder aufgegeben. Stattdessen investierte Polen im folgenden Jahrzehnt in die Modernisierung konventioneller Kraftwerke. Erst nach 2005 wurde wieder über ein neues Atomprogramm diskutiert.

Ein Grund für diesen Sinneswandel ist das neue Selbstbewusstsein, das Polen durch den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre gesammelt hat. Noch in den Neunzigern hätte kein Bürger Polens seinem Staat den Bau oder Betrieb eines Atomkraftwerks zugetraut – sowohl finanziell als auch handwerklich. Selbst die Autobahnen des Landes waren marode und hatten Schlaglöcher. Wie hätte man also ein Atomkraftwerk unterhalten können? Das nationale Selbstbewusstsein war damals stark angeschlagen.

Eine Reise durch das heutige Polen zeigt dagegen ein völlig anderes Bild. Die einstigen Schlaglochpisten wurden durch neuen Asphalt ersetzt. Die alten Fabriken des Landes sind verschwunden und hochmoderne Betriebe sind entstanden. Polen ist ein Land im Umbruch, das selbstbewusst in die Zukunft blickt.

Ein weiterer Grund für den geänderten Atomkurs Polens ist, dass die Energieversorgung außenpolitisch eine wichtige Rolle spielt. In den vergangenen Jahrhunderten hatte das Land Angst vor der militärischen Stärke der Nachbarländer. Heutzutage hat es Angst, energiepolitisch erpressbar zu sein. Dazu hat auch der Bau der Ostseepipeline und Deutschlands Vorstoß in der EU-Klimapolitik beigetragen.

Trotz dieser Tatsachen ist Polens Einstellung zur Atomenergie keineswegs unumkehrbar. Eine kluge und partnerschaftliche deutsche Außenpolitik könnte langfristig unser Nachbarland von der Atomkraft abbringen. Allerdings muss diese Außenpolitik das neue polnische Selbstbewusstsein ebenso berücksichtigen wie die alten außenpolitischen Ängste.