Roberto Formigoni, Regionalgouverneur der reichen Lombardei, schäumte vor Wut, als er am Montag die endgültige Version des Sparpakets sah, das Ministerpräsident Silvio Berlusconi jetzt durchs Parlament pauken will. "Hier sind alle Besteuerungsmechanismen und all das Hassenswerte in Anschlag gebracht worden, das gewöhnlich zu einem Regime des Realen Sozialismus gehört!" wetterte er. Formigoni ist nicht irgendwer: Er regiert von Mailand aus das wirtschaftliche Herz Italiens. Vor allem aber gehört er zu Berlusconis Regierungspartei "Volk der Freiheit".

Berlusconi muss sparen: Angesichts der Turbulenzen an den Finanzmärkten hatte seine Regierung Mitte August beschlossen, in den kommenden Jahren 45,5 Milliarden Euro einzusammeln, durch Ausgabenkürzungen ebenso wie durch Steuererhöhungen. Gegenüber der heftigen Kritik aus den eigenen Reihen zeigte sich der Regierungschef gelassen: "Hervorragende Arbeit haben wir geleistet", bescheinigte er sich selbst. Dann lobte er sich dafür, in letzter Minute noch diverse "umstrittene Normen" aus dem Sparprogramm gestrichen zu haben.

Das ist ein ziemlicher Euphemismus. Die "umstrittenen Normen" verdarben im vergangenen Monat Millionen Italienern die Urlaubslaune. Ende Juli hatten die spekulativen Attacken auf die Staatsschuldverschreibungen Italiens eingesetzt. Der Spread italienischer Staatsanleihen – der Zinsabstand zu deutschen Titeln mit zehnjähriger Laufzeit – sprang hoch auf über drei Prozent. Nach tagelanger Unruhe an den Börsen schrieb schließlich die EZB am 5. August einen Brandbrief an die italienische Regierung und forderte einen ausgeglichenen Staatshaushalt nicht erst im Jahr 2014, sondern schon 2013.

Regierungspolitiker agierten wie Hütchenspieler

Hektische Aktivitäten in Rom waren die Folge. Binnen weniger Tage schusterte Schatzminister Giulio Tremonti ein Dekret, das die nötigen zusätzlichen Einsparungen sicherstellen sollte. Doch damit begann ein Sommertheater, wie es Italien seit Jahren nicht erlebt hatte. Tremonti spielte gegen Berlusconi, und Berlusconis Partei gegen den Koalitionspartner, die rechtspopulistische Lega Nord unter Umberto Bossi: Wie Hütchenspieler zauberten die Regierungsvertreter immer neue Folterwerkzeuge aus dem Instrumentenkasten, die den Haushalt ins Lot bringen sollten – und ließen sie dann binnen Tagesfrist wieder verschwinden.

So hieß es zunächst, auf alle Bruttoeinkommen über 90.000 Euro jährlich solle ein fünfprozentiger Steuerzuschlag erhoben werden. Das sei "eine Frage der sozialen Gerechtigkeit", teilte Berlusconi vollmundig mit. Dann aber fiel ihm ein, dass die Begüterten vor allem rechts wählen – und die neue Abgabe landete im Papierkorb. Stattdessen brachte Umberto Bossi eine Luxussteuer auf dicke Hochseeyachten und teure Limousinen ins Gespräch. Auch hier hieß es jedoch umgehend: Ab in die Tonne.

Wenn nicht bei den Reichen, dann wenigstens bei der Masse Kasse machen – in dieser Logik sollten auf einmal Hunderttausende Menschen kräftige Abstriche bei ihren zukünftigen Renten hinnehmen. Wehrdienst- und Studienzeiten nämlich sollten von einem Tag zum anderen nicht mehr bei der Berechnung der Rentenanwartschaft zählen, auch wenn die Betroffen oft genug 30.000 bis 40.000 Euro bezahlt hatten, um die Beiträge für jene Ausfalljahre abzugelten. Tausende Protestmails überfluteten die Briefkästen von Zeitungsredaktionen und Ministerien – Berlusconi trat erneut den Rückzug an.

Dann sollten drei staatliche Feiertage kassiert werden: der 25. April, Tag der Befreiung von der deutschen Nazi-Besatzung im Jahr 1945, dazu der 1. Mai und der 2. Juni, Tag der Gründung der Republik im Jahr 1946. Die Gewerkschaften, die Linke, aber auch die Tourismusindustrie schrieen auf. Nun bleiben die Feiertage erhalten.