Der Windpark Borne in Sachsen-Anhalt ist für Jan Büsing ein gutes Geschäft. Hier, in der Nähe von Magdeburg, drehen sich mehr als 40 Windräder und produzieren Ökostrom. Büsing leitet bei der Deutschen Windtechnik die Abteilung Repowering – also den Ersatz alter Windräder durch neue, leistungsstärkere Anlagen.

Gleich 19 Windräder ließ Büsing im Sommer in Borne abbauen und per Schwerlasttransport abtransportieren. Mehr als 100.000 Euro verdiente er – mit jedem Windrad. Jetzt drehen sich die ausgemotteten Mühlen in Polen, Bulgarien und anderen osteuropäischen Ländern. "Dieses Jahr werden wir mindestens 60 gebrauchte Windräder verkaufen", sagt Büsing, "der Second-Hand-Markt ist noch lange nicht gesättigt".

Seitdem die Bundesregierung das Repowering fördert, floriert der Markt mit gebrauchten Windräder. Genaue Zahlen über die ausgetauschten Windräder gibt es nicht, auch nicht, wie viele in den Export gehen. Klar ist: Im großen Stil wurden Windräder ab dem Jahr 2000 aufgestellt, mit dem Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das Ökostromproduzenten eine Vergütung je Kilowattstunde garantiert.

Unterstellt man eine Lebenszeit von etwa 15 bis 20 Jahre, dann werden in den kommenden Jahren Tausende Anlagen ausgetauscht. Zurzeit drehen sich in Deutschland rund 21.600 Windräder mit einer installierten Leistung von mehr als 27.200 Megawatt.

In den vergangenen Jahren wurden die abmontierten Windräder überholt und exportiert. "Es gibt einen Markt für Altanlagen vor allem in Osteuropa, dem Baltikum sowie in Afrika", sagt ein Sprecher des Bundesverbands Windenergie. "Bei Letzterem geht es vor allem um einzelne Anlagen mit kleinerer Leistung für Insellösungen." In Osteuropa gebe es eine gute Nachfrage nach günstigen Anlagen. Je nach Modell und Zustand schwanken die Preise, ähnlich wie bei Gebrauchtwagen. Zwischen 10.000 Euro und mehr als einer halben Millionen Euro bringt ein Windrad. Gerade bei kleineren Anlagen zahlen Second-Hand-Käufer so nur einen Bruchteil des Neupreises.

Dirk Nielsen aus Niebüll in Schleswig-Holstein ist schon seit mehr als 15 Jahren in der Windbranche tätig und seit 2008 im Repowering-Geschäft. Er könne sich einen rudimentären Internetauftritt leisten, sein Geschäft laufe nur über persönliche Empfehlungen, sagt er. Und Nielsen wird empfohlen: Mehr als 100 gebrauchte Windräder verkauft er im Jahr, sein Umsatz liegt im einstelligen Millionenbereich.

"Das Geschäft wird allerdings schwieriger", sagt der Unternehmer. Polen, bis vor kurzem der wichtigste Importeur, verschärfe etwa die Netzanschlusskriterien für gebrauchte Windmühlen. Gerade alte Anlagen könnten die strengeren Einspeisestandards aus technischen Gründen nicht erfüllen. Zudem würden auch im Nachbarland die attraktiven Standorte mit guten Windverhältnisse knapp und die Genehmigungen komplizierter. "Investoren wollen dann lieber eine Neuanlage, um die Standorte optimal auszunutzen."

Die Folge: Immer öfter verkauft Nielsen in außereuropäische Staaten, in die USA oder nach Weissrussland. Oder der 44-Jährige ruft inzwischen den Schrotthändler an. "In den kommenden Jahren wird wegen des Repowerings eine große Anzahl Windanlagen anfallen", sagt Nielsen. "Ich sehe kaum eine Chance, die alle weiterzuverkaufen."

 Die Rotorblätter sind schwer zu recyceln

Eine Windanlage zu entsorgen ist eigentlich kein Problem – schließlich ist der Turm-Stahl begehrt, auch das Kupfer aus den Turbinen findet Abnehmer.

Anders sieht es allerdings bei den Flügeln und den Gondeln aus, welche die Turbinen beherbergen. Das sind sperrige Teile aus Glasfaserkunststoffen, die sich nicht ohne Weiteres recyceln lassen. Nach einer Branchenstudie werden davon weltweit zukünftig etwa 50.000 Tonnen jährlich anfallen, rund ein Drittel davon in Deutschland.

Doch wohin damit? Bislang wurden die Flügel mit riesigen Baggerscheren einfach kleingeschnitten und landeten auf der Deponie. Das ist allerdings seit einigen Jahren verboten.

Eine Nische witterte Zajons Logistik aus Melbeck in Niedersachsen. Das Entsorgungsunternehmen baute für sechs Millionen Euro eine Testanlage zur Zerkleinerung der Rotorflügel und tat sich mit dem Zementhersteller Holcim zusammen. Der kann einen Teil der zerkleinerten Flügel als Ersatzbrennstoff in seinen Zementöfen einsetzen.

So entsteht am Ende Zement aus geschredderten Windradflügeln. Von "geschlossenen Stoffkreisläufen" schwärmt Holcim. Recycling in seiner Perfektion. Denn am Ende kann der Zement natürlich zur Herstellung von Beton verwendet werden. Und aus Beton sind wiederum die Fundamente von Windkraftanlagen.

Die Geschichte hat nur einen Haken. "Wir bekommen nur sehr wenige Rotorflügel", sagt Jörg Lempke, Geschäftsführer von Zajons Logistik. Die Anlage ist auf eine Kapazität von 60.000 Tonnen ausgelegt, das entspricht jährlich einigen Tausend Flügeln. Doch bislang erreicht Lempke gerade einmal zehn Prozent.

Den Windparkbetreibern ist das Recycling schlicht zu teuer. Mehrere Tausend Euro kostet es je Flügel. Da ist es teilweise günstiger, ausrangierte Flügel einfach einzulagern. Doch bei den zukünftig anfallenden Mengen sei dies keine Lösung mehr, so Lempke – der natürlich gerne seine Anlage ausgelastet sehen würde. "Wie in der Auto- und der Verpackungsindustrie brauchen wir gesetzlich vorgeschriebene Recyclingquoten für Windanlagen", fordert er.

Für seine ausrangierten Windräder interessiert sich auch Enercon, der größte deutsche Windradhersteller aus dem ostfriesischen Aurich. Zurzeit arbeitet das Unternehmen – im Anfangsstadium – an einem Verfahren, um die Rotorblätter wiederaufzubereiten und erneut zu Rotorblättern zu verarbeiten.

Ob das allerdings langfristig eine Lösung sein kann, ist noch ungeklärt. Um optimal recyceln zu können, müsse man entsprechende Stückzahlen erreichen, heißt es bei Enercon. Wie allerdings komme man an die Rotorblätter, wenn die Anlagen verkauft seien? Einen gesetzlich geregelten Recyclingweg lehnt Enercon daher mittelfristig nicht prinzipiell ab. Man werde um das Thema nicht herumkommen, so Enercon.