Randalierer übernehmen Athens Straßen

Eine "höllische Woche" hatte das griechische Massenblatt Ta Nea am Montag angekündigt. Am Mittwoch bewahrheitete sich die Prognose der Journalisten: Der Massenprotest gegen das neue Sparprogramm der sozialistischen Regierung, der zunächst friedlich begonnen hatte, schlug um ins blanke Chaos.

Seit Tagen gab es beunruhigende Informationen aus der Anarchistenszene: "Athen wird brennen", kündigten Chaoten an. Am Nachmittag entwickelten sich erste Scharmützel zwischen Vermummten und der Polizei. Dann flogen Steine und Molotowcocktails. Die Polizei antwortete mit Tränengasgranaten . Vermummte Demonstranten zerkleinerten am Syntagmaplatz mit schweren Vorschlaghämmern Marmorplatten zu Wurfgeschossen. Immer wieder versuchten militante Protestierer, die Polizeiketten zu durchbrechen und zum Parlamentsgebäude vorzustoßen.

Für Hunderte überwiegend ausländische Gäste, die in drei Luxushotels am Syntagmaplatz gefangen waren, waren es Stunden der Angst. Sie konnten ihre Unterkünfte wegen der Straßenkämpfe nicht verlassen. Draußen bearbeiteten Chaoten mit Äxten und Eisenstangen die heruntergelassenen Stahlgitter vor den Fenstern und Türen der Hotels. Sie zertrümmerten Verkehrsampeln und Schaufenster. Rauchschwaden stiegen über dem Platz auf. Das weiße Tränengas mischte sich mit dem schwarzen Qualm brennender Müllcontainer und Zeitungskioske. Das Zentrum Athens wirkte wie im Krieg.

Die "Mutter aller Streiks"

Dabei hatte der Tag friedlich begonnen. Jenny Psyllaki war früh aufgestanden, obwohl sie hätte lange schlafen können. Vor acht Monaten verlor die 22-Jährige ihren Job als Telefonistin in einem Athener Callcenter. Seither sucht sie nach einer neuen Stelle. Viel Hoffnung hat sie nicht. Deshalb macht sie mit bei den Massenprotesten gegen die Sparpolitik der Regierung, zu denen die Gewerkschaften für diesen Mittwoch und Donnerstag aufgerufen haben.

Wegen des Generalstreiks steht das Land für 48 Stunden nahezu still . Der öffentliche Dienst liegt lahm, auch viele Einzelhandelsgeschäfte sind geschlossen. Griechenland erlebt die massivste Protestwelle seit Beginn der Schuldenkrise vor zwei Jahren. Von der "Mutter aller Streiks" spricht der Radiosender Skai .

Jenny stand am Omoniaplatz, über der Schulter einen dicken Knüppel mit der Fahne des kommunistischen Gewerkschaftsbundes Pame. Tausende Anhänger der altstalinistischen griechischen KP hatten sich hier zu einem Demonstrationszug versammelt, der zum Parlamentsgebäude am Syntagmaplatz führen sollte. "Das ist die Entscheidungsschlacht im Klassenkampf", sagte Jenny. Neben ihr hielten zwei junge Männer ein Plakat hoch: "Für die Krise soll die Plutokratie bezahlen." Die Stimmung war kämpferisch. Ein zweiter Protestzug formiert sich vor dem Hauptquartier des griechischen Gewerkschaftsbundes am Marsfeld. Ihr Ziel war ebenfalls der Syntagmaplatz.

Dort hatte die Polizei mobile Stahlzäune aufgebaut, um das Parlamentsgebäude abzuschirmen. Schon am Vormittag versammelten sich Zehntausende vor dem Parlament. Auf dem Höhepunkt der Demonstration waren es 80.000, sagt die Polizei. Die Gewerkschaften sagen, 200.000 waren auf den Beinen. Die Zahl der vermummten Chaoten wurde auf mehrere Hundert geschätzt. 

Abstimmung über Sparpaket am Donnerstag

Gegen Mittwochabend nahm die Gewalt wieder zu – und am Donnerstag könnte es erneut zu Ausschreitungen kommen. Denn dann sollen die Abgeordneten im Parlament über das neue Sparpaket abstimmen. Es sieht weitere Gehaltskürzungen sowie Massenentlassungen im öffentlichen Dienst und massive Steuererhöhungen vor. Das Votum wird eine Zitterpartie für Premier Giorgos Papandreou, denn auch in der eigenen Partei, sogar innerhalb des Kabinetts, gibt es erhebliche Widerstände.

Dennoch zeigen die gewalttätigen Proteste nur einen Ausschnitt der griechischen Wirklichkeit. Es mögen Hunderttausende sein, die jetzt in den griechischen Städten gegen die Sparpolitik der Regierung demonstrieren. Aber viel zahlreicher ist die schweigende Mehrheit. Sechs von zehn Griechen, so zeigen Umfragen, wollen keine weiteren Streiks und Proteste. 

Papandreous emotionale Rede

Papandreou verteidigt den Sparkurs. In einer emotionalen Rede rief er die Mitglieder seiner sozialistischen Fraktion auf, "über sich hinauszuwachsen". Er sprach von "übermenschlichen Entscheidungen", die den Abgeordneten abverlangt würden: "Wir müssen uns nicht nur gegenüber unseren Wählern, sondern gegenüber der Geschichte verantworten und das Unheil des Staatsbankrotts abwenden", beschwörte er die Abgeordneten.

Papandreou spricht vom "Kampf gegen die Schuldenbestie", er erinnert an frühere griechische Staatspleiten: 1827, 1843, 1893 und 1932. Und er spricht vom griechischen Bürgerkrieg, dem selbstzerstörerischen Krieg der Griechen gegen die Griechen. Er schlug Wunden, deren Narben bis heute nicht verheilt sind. Papandreou erinnert daran, dass die Griechen in der Geschichte immer dann stark waren, wenn sie geeint waren – und schwach, wenn sie sich zerstritten. Wie jetzt.

Am Mittwoch versuchte Papandreou noch einmal, den konservativen Oppositionsführer Antonis Samaras auf eine gemeinsame Linie einzuschwören: Telefonisch bot er Samaras an, mit ihm am Sonntag zum EU-Sondergipfel zu fliegen, um dort die Interessen Griechenlands gemeinsam zu vertreten. Samaras lehnte schroff ab. Bereits am Dienstag war ein Treffen der beiden Parteichefs in feindseliger Atmosphäre verlaufen.

Als Studenten waren die beiden Männer Zimmergenossen am elitären Amherst College in der Nähe von Boston. Sie glaubten, Freunde zu sein. Jetzt sind sie erbitterte politische Feinde. Samaras mied den Blickkontakt mit Papandreou, reichte ihm nur wiederwillig und flüchtig die Hand. Seine Mine wirkte wie versteinert. Die Fernsehbilder von dem Treffen der beiden zeigten: Die Chefs der beiden großen griechischen Parteien finden keinen Konsens. Samaras, dessen Partei das Land in den Jahren 2004 bis 2009 immer tiefer ins Schuldendesaster steuerte, will keine Mitverantwortung übernehmen. Papandreou kämpft allein.

Alles hängt vom Donnerstag ab

Von der Abstimmung am Donnerstag hängt nicht nur für ihn alles ab. Für Griechenland steht die nächste Rate der Rettungskredite auf dem Spiel – das Geld wird nur fließen, wenn die Abgeordneten die neuen Spargesetze billigen. Aber es geht um viel mehr. Papandreou spricht von der "kritischsten Woche für Griechenland und den Euro". Scheitert das Sparpaket, sind nicht nur seine Tage als Premier gezählt. Dann dürfte auch der Staatsbankrott Griechenlands nur noch eine Frage von Wochen sein.

Ein Schreckensszenario, das allerdings die Kommunistin Jenny nicht zu beunruhigen scheint: "Das wird nicht die Pleite des Volkes sein, sondern der Bankrott des Kapitals", sagt sie. Für Donnerstag hat die Kommunistische Partei die Griechen dazu aufgerufen, alle Zugänge zum Parlament zu blockieren. So soll die Abstimmung verhindert werden. Die Rauchschwaden über dem Syntagmaplatz scheinen den letzten Akt im griechischen Drama anzukündigen.