Am Rande der Bankenproteste am gestrigen Samstag vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt stand ein Mann. Mit verschränkten Armen und skeptischem, aber interessiertem Blick beobachtete er das Demo-Treiben um ihn herum. Er arbeite in der Pharmabranche, berichtete er, sich selbst zähle er zur Mittelschicht. Mit Demonstrationen habe er eigentlich nichts am Hut. "Aber jetzt wird es Zeit. Das hat schon lange in mir gearbeitet."

Es wird Zeit. Dieses Gefühl teilt er mit vielen seiner Mit-Demonstranten, mit Hausfrauen, Studenten, Anwälten. Dass sie alle gekommen sind, viele von ihnen Demo-Neulinge, macht diese Proteste besonders. Ja, die Mehrheit der Deutschen ist gestern noch zu Hause geblieben. Ein paar Zehntausende deutschlandweit sind keine 99 Prozent. Aber diejenigen, die in Frankfurt, Berlin und anderswo auf die Straßen gegangen sind, haben die Mehrheit aufs Beste repräsentiert.

Dieser Protest hat das Potenzial, eine wirklich globale Gemeinschaft zu schaffen. Auch weil zum ersten Mal alle auf einer Seite stehen: Ob Griechen oder Deutsche, Amerikaner oder Chinesen, Russen oder Afrikaner – sie alle leiden am Ende, wenn die Finanzmärkte die Realwirtschaft mit in den Abgrund reißen. Bei den Anti-Globalisierungsprotesten, die vor allem Anfang des Jahrtausends viele internationale Gipfel lahm legten, war das noch anders: Die westlichen Mittelschichten hatten sich daran nie beteiligt, weil ihnen nur allzu klar war, dass sie zu den Profiteuren zählten.

Seit Beginn der Krise verweisen Politiker immer wieder zu Recht darauf, dass sich Probleme nicht mehr national lösen lassen, dass die Macht der Finanzmärkte nur eingedämmt werden kann, wenn weltweit alle Länder an einem Strang ziehen. Damit haben sie recht. Allzu oft aber hat ihnen der Verweis auf die globalen Abhängigkeiten als Ausflucht gedient, um eine Reform des Finanzsystems nicht beginnen zu müssen. Eine globale Protestwelle könnte die richtige Antwort auf diese globale Ohnmacht der Politik sein.

Es gibt genug Regierende und Parlamentarier auf der Welt, die die Macht der Finanzmärkte beschränken wollen. Nur hat ihnen in der Praxis oft das Wissen, vor allem aber der Mut für drastischere Umbauten gefehlt. Die Demonstranten aus der Mittelschicht könnten sie wieder antreiben. Ihre Botschaft an die Politiker ist klar: Was ihr bisher gemacht habt, reicht uns nicht! Wie sehr sich die Parteien gestern beeilt haben, den Forderungen der Demonstranten zuzustimmen, ist bereits ein deutliches Zeichen dafür, dass beide Gruppen hier am Ende auf einer Seite stehen könnten.

Anders als manche Kritiker behaupten, ist der weltweite Protest keineswegs populistisch oder unkonkret, sondern lässt sich ganz klar auf eine Forderung bringen: Die Entmachtung der Finanzmärkte. Und ebenso falsch ist der Vorwurf, dafür fehlten die Mittel. Eine weltweite Transaktionssteuer auf Finanzgeschäfte, eine stärkere Regulierung von Banken durch höhere Eigenkapitalquoten oder die Trennung von Investment-Geschäften und Alltagsbanking – die Konzepte liegen seit Beginn der Krise in den Schubladen. Und wenn Banken so groß sind, dass sie nicht Pleite gehen dürfen, weil sonst alle darunter leiden, dann sind sie eben einfach zu groß und müssen zerschlagen werden. 

Mit den gestrigen Protesten hat etwas begonnen. Damit aber wirklich etwas in Gang kommt, müssen die Demonstranten nicht nur wiederkommen, sie müssen auch ihre Freunde und Kollegen mitbringen, ihre Kinder und Eltern. Und sie müssen, anders als am Samstag in Rom, friedlich bleiben.