Es dauerte nicht lange. Kaum war die Protestwelle gegen die Übermacht der Finanzmärkte am Wochenende aus dem kleinen Park nahe der Wall Street über den Ozean geschwappt und hatte die Menschen in mehr als 80 Ländern auf der ganzen Welt auf die Straße getrieben, sprang die Spitze der deutschen Politik auf, um mitzureiten. Grünen-Chef Cem Özdemir forderte vor wenigen Tagen lautstark die Schuldenbremse für Banken, CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt ätzte gegen jene Institute, die "immer noch Erträge vorwiegend in Boni und Dividenden stecken."

Deutschlands Politik hat das Banken-Bashing entdeckt . Sogar die Liberalen entwickeln angesichts der Bewegung von links Wut auf die Institute. "Machen sie ihre Hausaufgaben nicht, nehmen wir sie an der Hand", konstatierte Fraktionschef Rainer Brüderle in der Bild -Zeitung – und klang dabei nicht viel anders als Linken-Chef Klaus Ernst mit seinem Credo: "Erst der Mensch, dann die Banken." Sein Vorgänger Oskar Lafontaine forderte "Sparkassen statt Zockerbuden". Über Parteigrenzen hinweg schwirren Schlagworte wie Zerschlagung, Neuordnung des Finanzmarktes und Zwangsverstaatlichung durch die Luft. Und SPD-Parteichef Sigmar Gabriel forderte im Spiegel die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken. "Ich möchte, dass beim Geschäftsfeld des Investmentbankings ein ganz großes Schild an der Tür steht mit der Aufschrift "Hier endet die Staatshaftung ."

Vor allem die neue Technologie macht es kaum noch möglich, die strenge Trennung durchzuhalten.
Bert Ely, ein unabhängiger Bankenexperte

Die Trennung von sicheren und riskanten Geschäften – das klingt nach einer sauberen Lösung. Das sahen auch die US-Regulierer nach dem Börsencrash 1929 so. Der folgte auf einen spektakulären Boom des Aktienmarktes, den die Brokerhäuser mit billigen Krediten weiter angefacht hatten. Als die Blase platzte drohten die katastrophalen Verluste das gesamte Finanzsystem nahezu kollabieren zu lassen: Anleger verloren ihre Ersparnisse und Unternehmen mussten mangels Barem den Betrieb einstellen. Es folgte die Große Depression.

So beschloss der Kongress, ein Zeichen zu setzen: Der sogenannte Glass-Steagall Act ordnete 1932 die strikte Aufteilung des Finanzsektors an – in einerseits Geschäftsbanken, die Spareinlagen von Privatkunden verwalten und Firmenkredite vergeben, und andererseits Investmentbanken, die am Kapitalmarkt aktiv sind, Aktien und Anleihen herausgeben und handeln. Ebenfalls separat blieben Versicherungen. Damit sollte ein Interessenkonflikt und bei einem Schock eine potenzielle "Ansteckung" zwischen den verschiedenen Bereichen vermieden werden.

Die Trennung ist nur in der Theorie einfach

Nicht ganz 70 Jahre später wurde der Glass-Steagall Act unter Präsident Bill Clinton abgeschafft. Nicht zuletzt, weil der einflussreiche Finanzier Sandy Weill jahrelang für die Abschaffung Lobbying betrieben hatte. Da war der Weg frei für Finanzsupermärkte wie Weills Citigroup, die von Anleihen über Kreditkarten bis zu Firmenkrediten und Versicherungen alles aus einer Hand anbieten sollte. Citi war die Großbank, die am meisten staatliche Unterstützung während der jüngsten Finanzkrise bekam.

Letztlich nahmen die Volksvertreter jedoch nur zur Kenntnis, was Marktkenner schon lange erkannt haben: Die Trennung sieht in der Theorie einfacher aus, als sie in Wirklichkeit ist. Auch ohne Weill war Glass-Steagall bereits durchlöchert. "Vor allem die neue Technologie macht es kaum noch möglich, die strenge Trennung durchzuhalten", sagt Bert Ely, ein unabhängiger Bankenexperte. Die Finanzmärkte sind seit den Zeiten von Glass Steagall immer komplexer geworden. Die Grenzen zwischen Investmentbanking und Geschäftsbanken werden immer mehr verwischt.

Ein Beispiel: Unternehmen können ihren Kreditbedarf durch die Herausgabe von Anleihen decken. Das ist ein Fall für die Investmentbanker. Oder sie können einen Firmenkredit bei der Bank aufnehmen. Das wäre ein Fall für den Geschäftsbanker. Doch die großen Unternehmenskredite werden inzwischen nicht mehr alleine von einem Institut getragen. In der Regel werden sie nach der ursprünglichen Vergabe in kleinere Anteile gestückelt und an andere Banken abgegeben – und sie werden kaum anders als Anleihen gehandelt. Das Trennbankenprinzip greift da nicht mehr.

Mit den fließenden Grenzen kämpfen auch die Autoren der jüngsten Reformen in den USA. Die Volcker-Regel, benannt nach dem ehemaligen Notenbanker Paul Volcker , sieht ein Verbot für Banken vor, mit ihrem eigenen Kapital zu spekulieren. (Spötter an der Wall Street haben es "Glass-Steagall Lite" getauft). Doch die Umsetzung der Vorschrift hat sich als extrem schwierig herausgestellt. Die Unterscheidung, ob eine Transaktion der Absicherung dient oder auf Kundenwunsch passiert oder rein auf eigene Rechnung und Risiko stattfindet, ist im Marktgeschehen selten eindeutig auszumachen. Das gibt den Banken im Zweifel Spielraum – und macht die Vorschrift zum stumpfen Instrument.