Nein, Wolfgang Schäuble wollte am Tag der Einheit nicht darüber spekulieren, wann der Euro auseinander brechen könnte. Stattdessen dozierte er, dass gerade einmal zehn Prozent der Mittel des wohl bald 780 Milliarden Euro starken Rettungsfonds (EFSF) derzeit gebunden seien. Spekulationen über eine Ausweitung machten "keinen Sinn", sagte der Finanzminister.

Wie Recht er hat. Und doch sprachen Schäuble und seine 16 Amtskollegen am Montagabend in Luxemburg schon davon, wie man die Finanzierungsmöglichkeiten des EFSF zusätzlich ausweiten könne. Gesucht ist ein Finanzierungshebel, wie man ihn aus der Finanzwirtschaft kennt.

Manche Euro-Minister und auch die Brüsseler Kommission wollen den Rettungsschirm mit aller Macht größer machen als er ist. "Wir brauchen mehr Feuerkraft", sagte Währungskommissar Olli Rehn in der Nacht zum Dienstag. Die "Effizienz der Einzelinstrumente" erhöhen, so verklausulierte es Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker. Die Optionen nannten beide nicht im Detail, aber einige sind hinlänglich bekannt.

Wie wäre es zum Beispiel damit, dass sich der EFSF wie eine normale Bank Kapital bei der EZB leihen könnte? Oder die EZB übernimmt gleich die Anleihen notleidender Staaten und der EFSF garantiert einfach nur jenen Bruchteil dieser Anleihen, der direkt vom Ausfall bedroht ist?

Feuer wird mit Feuer bekämpft

Derlei Instrumente erinnern nicht nur sehr an die toxischen Produkte aus den Kreativabteilungen amerikanischer Investmentbanken. Sie sind auch eine Ohrfeige für deutsche Bundestagsabgeordnete, die vergangene Woche mühsam der Ausweitung deutscher Garantien und der damit einhergehenden Erweiterung auf 780 Milliarden Euro zugestimmt haben (440 Milliarden Euro davon können tatsächlich als Kredite und Bürgschaften eingesetzt werden). In Luxemburg wurde ein Politikstil beschworen, der Feuer mit Feuer bekämpft. Ein Stil, den europäische Steuerzahler nun seit fast zwei Jahren leid sind.

Schon allein deshalb sollten die Minister die Finger davon lassen. Die Politiker müssen nicht versuchen, Anleihehändler und Hedgefondsmanager mit deren Waffen zu schlagen. So kreativ kann Politik nicht werden, wie es die Händler sind. Warum auch?

Stattdessen sollten sich Europas Finanzminister in diesem Herbst mit drei Dingen beschäftigen:

Erstens: Griechenland wird nicht mehr zu retten sein. Das griechische Haushaltsdefizit beträgt 2011 voraussichtlich 8,5 Prozent. Wahrscheinlich wird es noch höher ausfallen, denn das Land spart sich an vielen Stellen schon heute kaputt. Wo bleibt der Marshallplan, wo die Idee für die Zukunft Griechenlands in der EU?

Zweitens: Schnellstmöglich – und zur Not ohne Großbritannien – sollten die Finanzminister sich auf eine Finanztransaktionssteuer einigen. Sie wird, wenn sie sich an den Vorstellungen der EU-Kommission orientiert, Einnahmen generieren, die einen Teil der Rettungskosten finanzieren können. Weit wichtiger aber ist: Es ist zumindest wahrscheinlich, dass diese Steuer künftige Spekulation eindämmt.

Souveränitätsverzicht ist unumgänglich

Drittens: Das Primat der Politik ist keine Worthülse. Wenn die Minister ihrer historischen Verantwortung gerecht werden wollen, dann müssen sie in den nächsten Monaten nicht hebeln, sondern handeln. Die Mitgliedsstaaten, allen voran Deutschland, müssen sich von der historischen Illusion verabschieden, dass eine Währungsunion ohne politische Union möglich ist. Dieser Souveränitätsverzicht wird Föderalisten schmerzen, er ist aber unumgänglich. Die Regierungschefs sollten daher schnellstmöglich ihre Zusagen zu einer engeren Kooperation umsetzen – und wo notwendig gemeinsame Regulierungsvorhaben vorantreiben.

Schon an diesem Dienstag haben sie Gelegenheit dazu. Auf der Tagesordnung der EU-Finanzminister stehen strengere Regeln für Derivate, die außerbörslich gehandelt werden. Hebelprodukte wären auch betroffen.