ZEIT ONLINE: Herr Markaris, ist Griechenland noch zu retten?

Petros Markaris: Griechenlands Krise war immer politisch. Die finanziellen Probleme sind größtenteils eine Folge davon. Seit 1981, als das Land der EU beigetreten ist, haben alle Parteien sich unausgesprochen auf folgenden Kurs geeinigt: Wir bekommen Geld von der EU und wir können es verteilen.

ZEIT ONLINE: Und das war dann eines Tages vorbei. Zusammengebrochen ist dann aber das ökonomische System. Das politische funktioniert doch weiter.

Markaris: Das tut nur so, als ob es funktioniert.

ZEIT ONLINE: Aber die Regierung suggeriert doch, dass sie alles tut, was sie kann. Sie spart. Sie reformiert. Sie privatisiert.

Markaris: In Wirklichkeit ist sie monatelang davor zurückgeschreckt, die nötigen Reformen anzupacken. Die Politiker haben die Leute dreißig Jahre lang so verwöhnt und ihnen so mit Lügen geschmeichelt, dass es ganz schwierig ist, das nun zurückzunehmen. Man kann nicht in drei Wochen zurücknehmen, was man dreißig Jahre versäumt hat. 

ZEIT ONLINE: Doch jetzt redet die Regierung von Ministerpräsident Papandreou viel über die Notwendigkeit von Reformen.

Markaris: Welcher griechische Politiker hat bisher den Menschen auf der Straße die Wahrheit gesagt? Keiner! Sie lügen immer noch die Leute an. Am meisten die Opposition, die populistisch alles Mögliche verspricht. Und wenn sie dann nach den Wahlen an die Macht kommen, werden Sie behaupten, das sie das Elend von den Vorgängern übernommen haben. So hat das übrigens auch die jetzige Regierung vor ihrem Wahlsieg gemacht.

ZEIT ONLINE: Warum machen die Griechen das mit?

Markaris: Weil beide Parteien ein Abhängigkeitssystem geschaffen haben, von dem große Teile der Bevölkerung profitieren konnten. Die anderen haben geschwiegen, weil sie darauf hofften, dass sie auch mal dran kommen.

ZEIT ONLINE: Viele Griechen suchen die Schuld bei den Banken oder den Deutschen.

Markaris: Immer sind die anderen schuld. Für die Republik Hellas passt der Satz von Sartre: Die Hölle sind die anderen.

ZEIT ONLINE: Warum gibt es keine politische Bewegung, die wirklich für einen Neuanfang stehen könnte?

Markaris: Das frage ich mich auch. Vielleicht weil es keine offensichtliche Lösung für die Probleme gibt. Erstens ist unser politisches System so gebaut, dass es einer Partei das Regieren ermöglicht. Zweitens konnten diese Partei dann lange ihr Klientel pflegen und so für den nötigen Rückhalt sorgen. Und drittens haben unsere beiden großen Parteien geschickt dafür gesorgt, das sich neben ihnen keine anderen Alternative entwickeln konnte. Heute kann man nicht einfach so eine neue Partei aufbauen.