Möglich war all das nur, weil die Konzerne zuvor die Aufhebung der alten Positionsgrenzen durchgesetzt hatten. Unter dem Schlachtruf "Befreiung von der Regulierung" hoben ihre – über Wahlkampfspenden großzügig finanzierten – Verbündeten im US-Kongress bis 2005 alle Regeln auf, die zuvor den Einfluss der Anleger auf die Future-Preise begrenzt hatten.

Seitdem war kein Halten mehr. Binnen weniger Jahre erfuhren Amerikas Rohstoffmärkte eine radikale Transformation, die weltweite Folgen hatte. Fortan verkaufte die Finanzwirtschaft den Einstieg in die Warenterminkontrakte als neue asset class , also eine neue Klasse von Kapitalanlagen, die jeder Vermögensverwalter seinem Portfolio zur Absicherung beimischen sollte – eine Empfehlung, die längst auch deutsche Banken vielfach ihren Kunden geben.

Im großen Stil fließt seither auf diesem Weg anlagesuchendes Kapital auf die vergleichsweise kleinen Warenterminmärkte. Dort gehen mittlerweile bis zu 80 Prozent aller geschlossenen Verträge nur noch auf die spekulative Kapitalanlage zurück, obwohl diese Märkte dafür eigentlich nie gedacht waren. Denn die Rohstoffanlagen dienen ja – anders als Aktien oder Anleihen – nicht dem Zweck, den Aufbau von Produktionsanlagen oder Infrastruktur zu finanzieren und auf diesem Weg Erträge zu erwirtschaften. Vielmehr schließen die Rohstoffanleger lediglich Wetten auf die Preisentwicklung der zugrunde liegenden Rohstoffe ab. Die Gewinne, die sie dabei erzielen, erhöhen letztlich die Kosten für die Verarbeiter. Am Ende müssen die Verbraucher draufzahlen.

Landwirte orientieren sich am Börsenpreis

Damit erzeugen sie einen verhängnisvollen Kurzschluss. Denn die Preise für die Futures an den Rohstoffbörsen Amerikas und Europas dienen zugleich als Richtwerte im Handel mit den physischen Waren.

Für Getreide kann das jeder moderne Landwirt sofort bestätigen. Heinrich Heitmüller zum Beispiel führt einen Betrieb auf Rügen und produziert auf rund 400 Hektar Weizen und Raps. Die Frage, wie er die Preise mit seinem Getreidehändler aushandelt, quittiert er mit einem Lachen. Dann zieht er sein Handy aus der Tasche, tippt auf das Display und zeigt das Ergebnis: "Hier, das sind die aktuellen Preise der Matif, das sind auch meine Preise." Gemeint sind die Notierungen der Getreidebörse in Paris, deren Kurse wiederum in der Regel jenen in Chicago folgen. So bestimmt der Börsenpreis auch den Handelspreis. Und genauso läuft auch die Preisbildung für andere börsengehandelte Rohstoffe wie Rohöl, Erdgas oder Kupfer.

Die Konsequenzen sind verheerend. Denn die massenhafte Kapitalanlage in Index-Fonds auf Rohstoffe hat zur Folge, dass deren Preise über lange Zeiträume nicht mehr den Veränderungen bei Angebot und Nachfrage folgen, sondern allein dem Herdentrieb der Anleger. Damit sorgen sie für lang anhaltende Preisspitzen, die nicht mit schlechten Ernten oder gestiegenem Bedarf zu erklären sind. So wurden Mais und Weizen an der Börse in Chicago und auch im Welthandel zwischen Juni 2007 und Juni 2008 um volle 140 Prozent teurer. Zur Begründung verwiesen Finanzanalysten auf die schlechte Versorgungslage mit Getreide. Als Indikator dafür gilt das Verhältnis zwischen gemeldeten Lagerbeständen und dem Verbrauch, stocks-to-use ratio genannt. Zur Jahreswende 2007/08 war dieses wegen Missernten im großen Exportland Australien tatsächlich auf ein historisches Tief gefallen. Zur Erklärung der Preisentwicklung taugt das jedoch wenig. Denn über längere Zeiträume betrachtet, laufen auch die Getreidepreise und die stocks-to-use ratio völlig auseinander. So lag im Sommer 2011 weit mehr Getreide auf Lager als im Jahr 2008, während der Verbrauch kaum gestiegen war. Trotzdem schossen die Preise auf das höchste je erreichte Niveau.

Preisschub durch billige Dollars

Die scheinbar widersinnigen Preisbewegungen dokumentieren, dass die Finanzialisierung des Rohstoffhandels die Märkte für Rohstoffe aller Art zu einem Teil des globalen Kapitalmarktes gemacht hat. In der Folge wurden daher Zinsänderungen, Bankenkrisen und der generelle Herdentrieb der Kapitalverwalter die zentralen Faktoren, nach denen sich die Preisentwicklung richtet. Nichts verdeutlicht diesen Zusammenhang klarer als der Gleichklang der Geldpolitik der US-Notenbank mit der Entwicklung der Rohstoffpreise. Deren erneuter Anstieg nach der Finanzkrise begann just in dem Moment, als Amerikas Notenbanker im Mai 2009 dazu übergingen, mit ihrem elektronisch erzeugten Geld selbst Staatsanleihen für 300 Milliarden Dollar zu kaufen und so das Finanzsystem mit billigen Dollars zu fluten. Das half zwar der US-Wirtschaft wenig, aber dafür sank der Ertrag auf US-Staatsanleihen unter die Inflationsrate.

Umso stärker setzten Großinvestoren daher auf Rohstoffe und brachten so einen erneuten Preisschub in Gang, der mit dem Ende der Aktion auch prompt zum Stillstand kam. Als die Federal Reserve ab August 2010 dann noch einmal 600 Milliarden zusätzliche Dollar in den Markt schleuste, zündete dies aber eine erneute Preisexplosion. Und erst mit dem absehbaren Ende der Dollarflut brachen die Preise ab Mai 2011 wieder ein.

Längst gibt es daher eine Fülle wissenschaftlicher Arbeiten, die den Zusammenhang zwischen Spekulation und Preisentwicklung belegen. Die umfassendste Untersuchung veröffentlichten vier Ökonomen des renommierten New England Complex Systems Institute in Boston erst vergangenen Monat. Demnach waren die Preissprünge für Getreide in den Erntejahren 2007/08 und 2010/11 "spezifisch auf die Spekulation von Investoren zurückzuführen". Beide Male, so kalkulierten die Autoren, seien die Preise über jeweils fast ein ganzes Jahr um bis zu 50 Prozent über das Niveau gestiegen, das aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem physischen Markt zu erwarten gewesen wäre. Vor diesem Hintergrund mutet die anhaltende Leugnung der Mitschuld der Spekulation an den Hungerkrisen durch die interessierten Geldkonzerne weltfremd an.

Offenbar sei es in dieser Debatte so wie einst beim Streit über die Schädlichkeit des Rauchens, spottet der Agrarökonom Tassos Haniotis, der für die EU-Kommission das Thema untersuchte: "Es gibt immer mehr Belege, aber die interessierte Industrie leugnet, so lange es geht."