Deutschland steht nach Auffassung der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute vor einer Konjunkturflaute. Eine Rezession aber mit einer negativen Leistungsbilanz stehe im kommenden Jahr nicht bevor, urteilen die Institute in ihrer Herbstprognose. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde im kommenden Jahr nur noch um 0,8 Prozent steigen, nach 2,9 Prozent in diesem Jahr. Die Wirtschaftsforscher rechnen allerdings mit einer schrumpfenden Wirtschaft im laufenden Quartal.

"Die Aussichten für die Weltwirtschaft haben sich im Herbst deutlich verschlechtert", sagte Torsten Schmidt vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Ein Grund dafür sei, dass sich die Schulden- zu einer Bankenkrise auszuweiten drohe. "Dies belastet zunehmend auch die deutsche Konjunktur", warnen die Experten. "Die stark erhöhte Unsicherheit wird die inländische Nachfrage dämpfen, und der Außenhandel dürfte aufgrund der schwierigen Krise wichtiger Handelspartner nicht mehr zur Expansion beitragen." Für dieses Jahr hoben die Institute wegen des starken Jahresauftakts ihre Vorhersage von 2,8 auf 2,9 Prozent an.

Der Arbeitsmarkt wird der Prognose zufolge von der Flaute kaum berührt. Die Zahl der Arbeitslosen wird demnach im kommenden Jahr um 153.000 auf rund 2,8 Millionen sinken, die Beschäftigung um fast 200.000 auf den Rekordwert von knapp 41,3 Millionen steigen. "Der Arbeitsmarkt dürfte von der kurzen wirtschaftlichen Stagnation nicht zurückgeworfen werden", schrieben die Forscher. "Die Unternehmen werden zur Überbrückung der konjunkturellen Schwächephase zunächst auf flexible Arbeitszeitinstrumente zurückgreifen."

Preise laut Prognose stabil

Entlastung sehen die Forscher auch bei den Preisen. Die Inflationsrate wird demnach von 2,3 auf 1,8 Prozent fallen und damit wieder unter der Zwei-Prozent-Marke liegen, bei der die Europäische Zentralbank von stabilen Preisen spricht. "Ausschlaggebend hierfür dürfte der geringere Anstieg der Importpreise sein", erwarten die Institute. "Der inländische Preisdruck wird hingegen leicht zunehmen."

Maßgeblich dafür seien verstärkt anziehende Lohnstückkosten. Auch der Staat drehe an der Preisschraube. "So werden Kommunen vielfach Gebühren erhöhen, um ihre Haushalte zu konsolidieren", hieß es. "Zudem dürfte die Umgestaltung des Energiemix, bedingt durch die Abschaltung von Atomkraftwerken, den Stromverbrauch künftig verteuern."

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler hält die deutsche Wirtschaft trotz der erwarteten Konjunkturflaute unverändert für einen "Stabilitäts- und Wachstumsanker" in Europa. "Hierzu tragen neben der hohen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft die nach wie vor positive Entwicklung am Arbeitsmarkt und die soliden öffentlichen Finanzen bei" sagte der FDP-Politiker. Die Ökonomen forderten völlig zu Recht klare Regeln für die Wirtschafts- und Finanzpolitik. "Je entschlossener und glaubwürdiger wir diesen Weg beschreiten, umso schneller werden wir auch die europäische Schuldenkrise überwinden."

Die Diagnose wurde von Wirtschaftsforschungsinstituten gemeinsam erstellt, zu dem das Münchner Ifo-Institut, das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) gehören. Sie dient der Bundesregierung als Grundlage für ihre eigene Konjunkturprognose am 20. Oktober. Diese Zahlen wiederum sind die Basis für die Steuerschätzung November und damit für die weitere Ausgabenplanung.