ZEIT ONLINE: Herr Moldenhauer, Ärzte ohne Grenzen beschuldigt die reichen Staaten, minderwertige Nahrung in Hungergebiete zu schicken . Ein schwerer Vorwurf.

Oliver Moldenhauer: Er ist gerechtfertigt. Es wird immer noch zu viel Nahrungshilfe verteilt, die nicht den Bedürfnissen derjenigen genügt, die am stärksten vom Hunger betroffen sind: kleine Kinder bis zu zwei Jahren. Sie brauchen tierisches Eiweiß, kalorienreiche Nahrung, den vollständigen Satz an Vitaminen und Nährstoffen. Das alles zu möglichst günstigen Kosten.

ZEIT ONLINE: Die gegenwärtige Hilfe erfüllt diese Anforderungen nicht?

Moldenhauer: Viele Hilfsorganisationen, unter ihnen die großen UN-Hilfswerke, geben mangelernährten Kindern spezielle, für sie geeignete Nahrung. Aber die USA liefern Mischungen aus Mais- und Sojamehl, die keine tierischen Proteine enthalten. Zwar wird dieses Mehl zusätzlich mit Vitaminen und Mineralstoffen angereichert, doch für kleine Kinder ist es völlig ungeeignet. Der von den USA praktizierte Ansatz, für Erwachsene und Kinder die gleiche Nahrung zu verteilen, wird den Kindern nicht gerecht.

ZEIT ONLINE: Wichtig ist doch zunächst einmal, die Menschen während einer Hungersnot überhaupt satt zu bekommen.

Moldenhauer: Die meisten hungernden Kinder gibt es aber in Ländern, die gar nicht von akuten Katastrophen betroffen sind. Dort gibt es regelmäßige Hungerperioden, wenn die alte Ernte aufgegessen, die neue aber noch nicht reif ist. In Indien zum Beispiel leiden mehr Kinder unter schwerer Mangelernährung als in den Ländern Afrikas südlich der Sahara. Wir müssen sie gesund durch die jährlichen Hungerperioden bringen. Das wäre übrigens auch im Sinne von langfristig nachhaltiger Entwicklungshilfe. Nur die richtige Nahrungshilfe verhindert, dass hungernde Kinder bleibende Schäden davontragen, die sie ihr Leben lang beeinträchtigen – sofern sie überhaupt überleben.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Schäden?

Moldenhauer: Die Kinder wachsen nicht richtig. Ihre geringe Größe ist aber bloß das äußerliche Zeichen für weitere bleibende Schäden. Unterernährung hemmt die Entwicklung des kindlichen Gehirns, deshalb bleiben die Kinder auch als Erwachsene in ihren geistigen und motorischen Fähigkeiten beeinträchtigt. Ihr Immunsystem ist geschwächt, die Darmschleimwand ebenso. Die Kinder leiden an Appetitlosigkeit und Durchfall. Oft ist das tödlich.