Die Kosten der Drachme – Seite 1

Vielleicht kommt ja alles wieder ins Lot: Griechenland verzichtet auf das Referendum , die einschneidenden Reformen im Land gehen weiter, das Euro-Rettungspaket wird wie geplant nach Athen geschickt. Aber die Situation ist nicht ausgestanden. Nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy Mittwochnacht klargemacht haben , dass ein Nein zum Hilfspaket den Ausstieg Griechenlands aus dem Euro bedeuten würde, steht das Szenario, das bislang niemand so deutlich benennen wollte, an der Wand.

Und Euro-Skeptiker sagen ja schon lange, dass Griechenland selbst trotz Hilfen nicht in der Lage sei, sich langfristig aus der Schuldenfalle zu befreien. Insofern ist die Frage, was ein Austritt des Landes aus dem Euro-System bedeuten würde, weiter aktuell – selbst wenn die Äußerungen Merkels und Sarkozys vor allem Drohgebärden waren, um den Griechen die Dimension des Problems zu verdeutlichen.

Die G20 jedenfalls, die derzeit in Cannes tagenden führenden Industrie- und Schwellenländer, rechnen nach den Worten eines hochrangigen Vertreters die Kosten einer Staatspleite Griechenlands schon mal durch – und analysieren die Folgen, die dessen Euro-Austritt hätte.

Doch ein Abschied vom Euro ist nicht so einfach. In den EU-Verträgen gibt es dafür keine Regelung. Deshalb hält EZB-Präsident Mario Draghi einen solchen Schritt Griechenlands auch für nicht vorstellbar. Er könne sich "nicht Situationen vorstellen, die im Vertrag nicht vorgesehen sind", sagte er am Donnerstag. Und eine Sprecherin der EU-Kommission stellte klar, dass nach der gültigen Rechtslage ein Land nur aus der Euro-Zone ausscheiden könne, wenn es auch die EU verlässt.

Gewiss, das ist der rein formale Weg, ein EU-Austritt ist im Paragraf 50 des Lissabonner Vertrages geregelt. Andere Experten argumentieren mit der Macht des Faktischen: Man könne doch keine Truppen nach Griechenland schicken, wenn das Land von heute auf morgen den Euro abschaffe und zur Drachme zurückkehre.

Folgen für Griechenland: Nur kurzfristiger Spielraum

Kommt das von Internationalem Währungsfonds (IWF) und EU beschlossene Sanierungsprogramm in Griechenland nicht zum Zuge, wäre der Staat binnen kurzer Zeit zahlungsunfähig. Verbindlichkeiten der Griechen von fast 360 Milliarden Euro – mehr als 200 Milliarden Euro bei ausländischen Gläubigern – wären weitgehend verloren. Die Regierung könnte versuchen, ihr Heil in einem Austritt aus der Euro-Zone zu suchen und die Drachme wieder einzuführen. Die neue alte Währung würde Experten zufolge um mindestens 50 Prozent zum Euro abgewertet.

Das gäbe den Griechen kurzfristig geld- und fiskalpolitischen Spielraum, denn der Staat könnte seine Löhne und Renten bezahlen, indem er die eigene Notenpresse anwirft, er könnte Lücken im Haushalt decken oder die Banken stützen. Außerdem würde sich die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft schlagartig verbessern, weil sich griechische Produkte im Ausland massiv verbilligen würden.

Doch die Wirtschaft ist enorm schwach, die Produktivität gering. Und die Handlungsfreiheit, die die eigene Währung den Griechen gäbe, ist nur theoretisch. Denn schon die Ankündigung, sich vom Euro verabschieden zu wollen, würde zu einer massiven Vertrauenskrise und wirtschaftlichen Depression führen. Das griechische Bankensystem stünde vor dem Kollaps. Denn die Griechen würden ihre Bankeinlagen abziehen und stattdessen Euro-Bargeld halten oder Bankguthaben im Ausland.

Die Regierung müsste zu Kapitalverkehrsbeschränkungen greifen und Obergrenzen einführen, wie viel die Bürger pro Woche abheben dürfen. Die Ausfuhr von Geld in andere Länder würde untersagt. Zusätzlich müssten die griechischen Banken die Anleihen ihres Staates im Bestand um mindestens 50 Prozent abschreiben. Weil die griechischen Geldinstitute keine werthaltigen Sicherheiten mehr zu bieten hätten, wäre ihnen der Zugang zu Zentralbankgeld verschlossen. Internationale Zocker würden sich auf die Drachme stürzen und gegen die griechische Wirtschaft spekulieren.  

Für Rest-Europa und die Gläubiger

Für das restliche Europa: Die Ansteckungsgefahr bleibt groß

Wie groß die Ansteckungsgefahr ist, die von einem Kollaps Griechenlands ausgeht, war am Donnerstag an den Anleihemärkten zu beobachten. Italienische Staatsanleihen waren so wenig wert wie noch nie: Investoren verlangten für die Schuldpapiere mit einer Laufzeit von zehn Jahren zwischenzeitlich eine Rendite von 6,402 Prozent. Das lag deutlich über dem bisherigen Höchststand von August – was die Europäische Zentralbank (EZB) dazu veranlasst hatte, erstmals in den Markt stützend einzugreifen und italienische Anleihen aufzukaufen.

Die steigenden Zinsen, die europäische Schuldenstaaten den Investoren heute schon bieten müssen, geben einen Vorgeschmack auf ein Horrorszenario: Während die Ratingagenturen nach und nach die Bonitätsnoten von Portugal, Spanien, Italien oder Frankreich (womöglich auch Deutschland) senken, wetten potente internationale Spekulanten auf weitere Pleiten im Euro-Raum. Auch in den gefährdeten Ländern würden die privaten Sparer nervös, die Geldhäuser müssten einen Run der Kunden auf ihre Konten fürchten.

Kritisch würde die Lage wohl vor allem für Italien und Spanien, die 2012 ein enormes Volumen an Staatsanleihen am Markt refinanzieren müssen. Rechnet man den Kapitalbedarf der Jahre 2012 bis 2014 zusammen, braucht Italien nach Berechnungen der DZ Bank insgesamt 956 Milliarden Euro, Spanien 453 Milliarden Euro. Angesichts dieser riesigen Summen kann jeder Prozentpunkt mehr, den die Länder für Zinsen bezahlen müssten, lebensbedrohlich werden.

Verständlich, dass sich die "großen Länder" der Euro-Zone Mut zusprechen. Der Währungsraum könne ein Ausscheiden Griechenlands verkraften, sagte am Donnerstag der französische Europaminister Jean Leonetti.

Für die Gläubiger:Explosion des Finanzsystems

Ein Austritt der Griechen aus dem Euro wäre nicht nur für die griechischen Banken eine Katastrophe, denen die Athener Regierung nach unterschiedlichen Angaben zwischen 50 und 75 Milliarden Milliarden Euro schuldet. Der französische Europaminister Jean Leonetti sprach am Donnerstag von einer "Explosion" des griechischen Finanzsystems. Sie würde in ganz Europa und weltweit für Erschütterungen bei weiteren Gläubigern sorgen. Denn vor allem die im Ausland platzierten und in Euro notierten Anleihen wären "akut ausfallgefährdet", wie die BHF-Bank schreibt.

Nach Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hatten ausländische Banken gegenüber Griechenland (öffentlicher Sektor, Banken, Unternehmen) Mitte 2011 Forderungen von etwa 100 Milliarden Euro. Darüber hinaus schulden private griechische Emittenten (vor allem Banken) ausländischen Anleihegläubigern rund 155 Milliarden Euro. Verbindlichkeiten in Höhe von 110 Milliarden Euro in Form inländischer Anleihen kommen hinzu.

Bei einem vollständigen Ausfall dieser Anleihen und Kredite würden die Kernkapitalquoten der 90 Banken, die am EU-weiten Stresstest teilgenommen haben, nach Schätzungen der Commerzbank im Schnitt deutlich auf 8,6 Prozent sinken. "In der Summe würden die Banken im Euro-Raum dies wohl verkraften", schreiben die Analysten, "auch, wenn es sehr schmerzhaft wäre." Dies würde aber nicht mehr gelten, wenn sich größere Länder bei den Griechen ansteckten.  

Für Deutschland und die Weltwirtschaft

  Für Deutschland:  Der Dominoeffekt könnte teuer werden

Fielen die Griechen aus dem gemeinsamen Währungsraum, wäre dies für Deutschland allein noch kein Drama – gäbe es den europaweiten Dominoeffekt nicht. Deutsche Banken sind in Griechenland nominell mit insgesamt zwölf Milliarden Euro engagiert, haben einen Großteil ihrer Kredite und Staatsanleihen aber inzwischen abgeschrieben. Hinzu kommen 13,5 Milliarden Euro an direkten Krediten, die Deutschland den Griechen im Rahmen der bisherigen Hilfsprogramme gewährt hat. Weitere Kosten sind durch Deutschlands Beteiligung an der Europäischen Zentralbank möglich, die griechische Staatsanleihen besitzt.

Würden sich allerdings zum Beispiel Spanien und Italien anstecken und ins Straucheln geraten, fielen sie auch als Zahler in den europäischen Rettungsfonds aus. Neben fällig werdenden Garantien kämen zusätzliche finanzielle Belastungen auf die Deutschen zu. Die stärkste Volkswirtschaft Europas wäre weltweit als Garant für die Stabilität des Euro gefragt und müsste sicherlich mit höheren Beteiligungen an den Rettungsfonds rechnen.

Der Wirtschaftswissenschaftler Clemens Fuest skizzierte jüngst eine solche Situation, in der Deutschland oder die EZB "europaweit für die Staatsfinanzen und Bankeinlagen" garantieren müssten. Die Bundesregierung sieht sich unterdessen nach Einschätzung von FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle für eine mögliche Staatspleite Griechenlands gewappnet. "Selbstverständlich ist die deutsche Regierung auf solche Situationen vorbereitet", sagte Brüderle am Donnerstag dem Sender N24. Die Regierung müsse immer einen Plan B oder C im Kopf haben. Wie diese genau aussehen, ließ Brüderle allerdings offen.

Für die Weltwirtschaft: Selbst USA fürchten Rezession

Eine Erosion des europäischen Währungsraums und milliardenschwere Belastungen für die soliden Länder in "Kern-Europa" würden eine Rezession in Europa auslösen, die zwangsläufig Folgen für die Weltwirtschaft hätte. Die führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) hoben am Donnerstag deshalb auf ihrem Gipfeltreffen in Cannes die Unsicherheiten auf den Finanzmärkten sowie die Risiken in Europa hervor. Allerdings ist schwer zu quantifizieren, wie gravierend die Wirkungen auf die Volkswirtschaften in China oder in den USA wären.

Der Chefvolkswirt der US-Investmentbank Goldman Sachs, Jan Hatzius, warnte dieser Tage im Tagesspiegel -Interview vor einer Eskalation der Euro-Schuldenkrise. Sollten die Probleme der Europäer aus dem Ruder laufen, könne dies auch in den USA eine Rezession auslösen – obwohl Amerika nur etwa zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts nach Europa exportiere. Realwirtschaftlich überschaubar wären wohl die Folgen eines Griechenland-Austritts aus dem Euro für die Handelsbeziehungen mit China.

Aber: Die Europäer setzen im Kampf gegen die Schuldenkrise auch auf Geldgeber aus Drittstaaten – darunter das devisenstarke China, das bis zu 100 Milliarden Euro investieren könnte. Damit der Hebel für den Rettungsfonds funktioniert, müssen private Investoren europäische Staatsanleihen kaufen. Gäbe es weltweit Zweifel an der Stabilität des Euro, wäre die Bereitschaft, in Europa zu investieren, deutlich geringer. Auf dem G-20-Gipfel in Cannes deutete sich diese wachsende Skepsis bereits an.

Erschienen im Tagesspiegel