Das ist ungewöhnlich für den spanischen Politzirkus: Nur noch knapp zwei Wochen sind es bis zu den vorgezogenen Parlamentswahlen am 20. November, aber die Kandidaten für das Wirtschaftsministerium der künftigen Regierung stehen immer noch nicht fest. Vor der letzten Wahl 2008 gab es dagegen sogar ein Fernsehduell zwischen dem sozialdemokratischen Amtsinhaber Pedro Solbes und dem Schattenminister der konservativen Opposition, dem ehemaligen Chef des Energiekonzerns Endesa Manuel Pizarro. Was bedeutet das? Dass sich niemand findet, der das Amt in der schwersten Krise seit Spaniens Rückkehr zur Demokratie 1975 übernehmen will? Oder dass sich die beiden großen Parteien aus Angst vor möglichen Stimmenverlusten nicht in die Karten schauen lassen wollen?

Nichts dergleichen, ließ Mariano Rajoy, der höchst wahrscheinlich nächste spanische Ministerpräsident, vergangene Woche über den Pressesprecher der konservativen Partido Popular (PP) verkünden: "Die Wirtschaftspolitik der nächsten Regierung wird nicht der Wirtschaftsminister bestimmen. Das wird der Regierungschef tun." Wirtschaftspolitik also als Chefsache.

Die Lage ist ernst genug. Wenn Europa in diesen Tagen vor allem um Griechenland bangt und in zweiter Linie um Italien, Spanien aber nicht so häufig Schlagzeilen macht wie noch vor wenigen Monaten, dann heißt das nicht, dass es dem Land seither besser ginge. Geschweige denn, dass von der viertgrößten Wirtschaftsmacht des Euro-Raums keine Gefahr mehr für die europäische Währungsunion ausgeht.

Spaniens Zentralbank selbst warnt in ihrem jüngsten Monatsbericht: Wenn die Regierung in Madrid ihr Versprechen gegenüber der EU einhalten wolle, das Haushaltsdefizit 2011 von 9,3 auf 6 Prozent zu senken, seien bis Jahresende unbedingt "zusätzliche Maßnahmen" nötig. Doch das ist leichter gesagt als getan. Da Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero das Parlament aufgelöst hat, um Neuwahlen bereits Ende November anstatt wie ursprünglich geplant im März 2012 zu ermöglichen, ist die Regierung nur eingeschränkt handlungsfähig. Zudem stagniert die Wirtschaft, und die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr: Die Rate liegt nun bei 21,5 Prozent.

Am Anfang der Krise stand "nur" die Verschuldung der privaten Haushalte. 2007, kurz vor dem Zusammenbruch des mehr als zehn Jahre währenden Immobilienbooms, betrug sie rund 120 Prozent des Einkommens. Nicht selten streckten Banken und Sparkassen 100 Prozent des Kaufpreises für eine Wohnung oder ein Haus vor und legten ein weiteres Darlehen für die Einrichtung oder den Urlaub nach dem anstrengenden Umzug oben drauf. So lange die Immobilienpreise jedes Jahr um zweistellige Raten stiegen, und es genügend Interessenten gab, die diese Preise bezahlen wollten, wurden in Spekulationsabsicht auch gerne mehrere Immobilien gekauft.

Mit dem Geld der verkauften Wohnungen wurde der Kredit für das Eigenheim beglichen. Ein System wie ein Kettenbrief, vor dessen Gefahren jahrelang sämtliche Beteiligten und auch die Regierung die Augen verschlossen. Kritiker, die fehlende Alternativen zum Bausektor monierten, wurden als Neider zurecht gewiesen. Schließlich wies der Staatshaushalt Dank des Booms dreimal in Folge einen Überschuss auf. 2006 betrug das Plus satte 23 Milliarden Euro. Derivate, die während der Finanzkrise Banken anderer Länder in die Knie zwangen, waren in Spanien nicht erlaubt. Wozu also die ganze Aufregung?

Doch 2007 brach die windige Konstruktion zusammen, und die Folgen waren sehr viel schlimmer als ursprünglich gedacht. Beinahe 20 Prozent der heute fünf Millionen Arbeitslosen verloren ihre Jobs im Bausektor. Wo die sicher geglaubten Spekulationsrenditen im Immobiliensektor ausblieben, knickte auch der Konsum ein.