Der G-20-Gipfel in dieser Woche wird nach dem angekündigten Referendum in Griechenland von der Krise in Europa überschattet werden. Allerdings wäre selbst ohne die Turbulenzen in Europa nicht damit zu rechnen gewesen, dass der Gipfel nennenswerte Ergebnisse in Hinblick auf die gemeinsame Regulierung der internationalen Finanzmärkte erzielen würde. Zwar war die G 20 recht erfolgreich beim Krisenmanagement und hat vor allem einen protektionistischen Wettlauf mit Erfolg verhindert. Jenseits von recht blumigen Forderungen ist es der Gruppe aber nicht gelungen, gemeinsame Maßnahmen zur Verhinderung künftiger Krisen zu entwickeln.

Während dieses Scheitern der G 20 von den meisten Kommentatoren kritisiert wird, schlagen wir eine abweichende Interpretation vor: Divergierende Ansätze in der Finanzmarktregulierung sind eine Chance, die zu wenig verstanden wird. Ungleiche, sich von Land zu Land unterscheidende Regelwerke für die Finanzwirtschaft wirken stabilisierend und sorgen für eine Begrenzung von Ansteckungseffekten.

Im Rückblick hat die Entwicklung globaler Regelwerke nicht zur Stabilisierung der Finanzmärkte beigetragen. Im Gegenteil: Weder die Krise in den USA noch die aktuelle Krise in Europa wurden durch den gemeinsam entwickelten Regulierungsstandard – bekannt als Basel II – verhindert. Vielmehr haben einzelne Elemente von Basel II – etwa die niedrigen Anforderungen an Eigenkapitalunterlegungen bei Immobilienkrediten – zur Entstehung der Krise maßgeblich beigetragen.

Vor allem zwei Faktoren sind hierfür verantwortlich. Erstens basiert Finanzmarktregulierung stets auf den Erfahrungen früherer Krisen. Regulierung versagt regelmäßig bei der Identifizierung neuer Risiken, häufig verursacht durch so genannte Innovationen auf den Finanzmärkten. Vielfach ist deren Zweck in erster Linie die Umgehung von Regulierungsauflagen. Zweitens ist staatliche Finanzmarktregulierung in der Regel heftigem Lobbyismus durch die Finanzindustrie ausgesetzt. Immer wieder haben es die Lobbyisten vermocht, ihre Interessen in den Vordergrund zu stellen und für eine Entschärfung von Auflagen zu sorgen.

Der damalige britische Finanzminister nannte diesen Ansatz euphemistisch "light touch regulation", frei übersetzt etwa "nachsichtige Bankenaufsicht". Die G 20 hat seit den ersten Gipfeltreffen im November 2008 zwar immer wieder auf die Notwendigkeit schärferer Regeln für die Finanzindustrie hingewiesen, dieser Forderung aber keine entschlossenen Taten folgen lassen.

Unser von der herrschenden Meinung abweichender Standpunkt betont dagegen den Nutzen maßgeschneiderter nationaler oder auch regionaler Lösungen. Zwar können mit einer Differenzierung nationaler Regulierungsansätze Finanzkrisen selbstredend nicht gänzlich verhindert werden, aber die Ansteckungseffekte zwischen nationalen Finanzsystemen könnten entscheidend reduziert werden. Die Untersuchung komplexer Systeme hat gezeigt, dass Diversität Systeme stabilisiert, während Monokulturen anfällig sind für schwere Krisen. Ein Mischwald übersteht Schocks besser als eine Kiefern-Schonung. Ein wesentliches Charakteristikum der letzten schweren Krisen waren gerade diese Ansteckungseffekte, etwa in Asien 1997/98 oder die weltweiten Wirkungen der amerikanischen Krise von 2007 an.

Selbstredend wäre diese Argumentationslinie wenig überzeugend, wenn sowohl Bankenaufseher als auch die wissenschaftlichen Beobachter von Finanzmärkten eine überzeugende Bilanz in Hinblick auf die Prognose von Risiken gezeigt hätten. Dies ist leider nicht der Fall. Zahlreiche Finanzkrisen haben deutlich gezeigt, dass die Bankenaufsicht und auch die Wissenschaft aus früheren Krisen nicht die richtigen Schlüsse ziehen. Über kurz oder lang dominiert immer wieder die Einschätzung, man habe aus früheren Krisen gelernt, die Risiken seien überschaubar und Finanzmarktakteure hätten ein robustes Eigeninteresse am Erhalt des eingesetzten Kapitals. Dieser Irrweg wird auf globaler Ebene natürlich noch folgenreicher: Je mehr man auf globale Regeln setzt, desto größer ist die Gefahr globaler Finanzkrisen. Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass die letzten Krisen die Fähigkeit zur Verhinderung der nächsten Krisen strukturell verändert hätten.

Die Mindestanforderung an globale Regeln ist, dass sie nach Maßgabe nationaler Politik durch nationale Regulierungen ergänzbar sein müssen. Ein Beispiel hierfür findet sich in der Schweiz, wo die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse nicht nur die Eigenkapitalanforderungen von Basel III zu erfüllen haben, sondern zusätzlich zu der für Großbanken künftig geltenden Forderung von 13 Prozent Eigenkapital weitere sechs Prozent, das sogenannte "Swiss Finish", als Folge nationaler Auflagen bereithalten müssen.