Bereits um kurz vor neun Uhr morgens – über die Fernsehbildschirme der Börse flimmern schon die Nachrichten aus Cannes und Athen – ahnt Fidel Helmer, dass der Tag außergewöhnlich werden könnte. Der Händler der Privatbank Hauck und Aufhäuser kennt die Aufgeregtheiten der Finanzmärkte seit mehr als 40 Jahren, länger als die meisten hier. Auf seiner Visitenkarte steht seit einiger Zeit nicht mehr Händler, sondern: Finanzmarktexperte. Mit 64 Jahren ist er einer der Erfahrensten auf dem Frankfurter Parkett.

Helmer betritt sein Büro und fährt den Computer hoch. Die Nachrichten aus Griechenland sind nicht die Besten. Helmer kann sie auf einem seiner drei Monitore nachlesen: In Athen kommt der Ministerrat zu einer Krisensitzung zusammen. Und im Rest Europas sind die Regierungen über die Ankündigung des griechischen Premiers, sein Volk über das Sparpaket abstimmen zu lassen, so erbost, dass die nächsten Hilfskredite eingefroren werden . Wenn das griechische Volk seine Stimme verweigert, wird Griechenland bald bankrott sein. Vielleicht muss das Land den Euro aufgeben. Dann werden die Spekulanten womöglich als nächstes Italien oder Spanien angreifen. Die Währungsunion wankt, mal wieder.

An den Devisenmärkten steht der Euro schon schwächer als am Vortag. Helmer weiß, was das bedeutet. Sinkt der Wert des Euro, leidet oft auch der Dax, der wichtigste deutsche Aktienindex. So ist es auch an diesem Tag. Als der Handel eröffnet, fällt der Index mit einem Rutsch um mehr als 100 Punkte. Die Finanzmärkte sind weltweit so vernetzt, dass es vor allem Anleger aus dem Ausland sind, die in deutsche Aktien investieren. Ihre Gewinne schrumpfen, wenn der Euro an Wert verliert, die Zahl der Käufer für Aktien deutscher Unternehmen sinkt dann. Auch deshalb beobachten die Händler in Frankfurt so genau, ob die Rettung Griechenlands gelingt.

Was Helmer noch nicht weiß: An diesem Donnerstag wird man die Abhängigkeit von Markt und Politik besonders gut studieren können. Oft ist in dieser Zeit von der Macht der Märkte die Rede, vom Primat der Politik, das in Europas Schuldenkrise verloren gegangen sei. Die Politik tanze nach der Pfeife der Märkte, lautet ein Vorwurf. An diesem Tag kann man es auch so sehen: Es sind die Anleger, die auf jedes kleinste Wort, jede kleinste Andeutung aus Athen in Sekundenschnelle reagieren. Die Taktgeber heißen dabei nicht Obama, Merkel oder Sarkozy, sondern Papandreou und Venizelos. Zwei Politiker eines Landes, das weniger als drei Prozent zum Bruttoinlandsprodukt der Euro-Zone beiträgt.

© ZEIT ONLINE

Kurz nach zehn in Franfurt, die Nachrichtenlage aus Athen bessert sich. Helmer liest in den Agenturen, dass der Rücktritt Papandreous wahrscheinlicher wird. Abgeordnete der Regierungspartei sollen bereits den Abtritt des Premierministers vorbereiten. Für die Anleger ist das eine gute Nachricht: Tritt Papandreou zurück, steigen die Chancen, dass das Referendum über den Sparkurs vielleicht doch noch platzt. Schließlich vermuten viele, der Premier habe den Volksentscheid vor allem deshalb ausgerufen, um seine eigene innenpolitische Position zu stärken . Auch beruhigen zu diesem Zeitpunkt die Worte des griechischen Finanzministers: Evangelos Venizelos. Das Volk werde über das Sparprogramm, nicht über den Verbleib in der Euro-Zone abstimmen . Ein Austritt Griechenlands mit unkontrollierbaren Folgen für das Land wird dadurch unwahrscheinlicher – die meisten Griechen wollen weiterhin die Gemeinschaftswährung. Der Dax steigt, auch der Euro gewinnt an Wert. Um elf Uhr drehen die Kurse ins Plus.

Gegen Mittag bemerkt Helmer, dass ein Gerücht unter den Anlegern umgeht. Sollte der neue Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi tatsächlich gleich zu Beginn seiner Amtszeit die Zinsen senken? Davon scheinen einige Devisenhändler auszugehen. Auf Helmers Monitor zeigt der Graph des Euro-Kurses nach oben. Die Devise zu dieser Stunde ist klar: Möglichst kaufen, der Markt entwickelt sich günstig. Um 13 Uhr meldet die britische BBC plötzlich, der Rücktritt des griechischen Premiers sei nur noch eine Sache von Minuten. Helmer weiß, was zu tun ist: "blitzschnell reagieren". Die Händler fassen weiter Mut. Der Dax steigt zwischenzeitlich auf mehr als 6100 Punkte. Die Anleger schauen nun endgültig gebannt nach Athen.