Kommt der Rücktritt von Silvio Berlusconi womöglich zu spät? Zu spät für Italien, zu spät damit auch für die ganze Eurozone? "Italien vor dem Abgrund, der Höhenflug des Zinsen versenkt uns":  Düster ist die Prognose der Tageszeitung La Repubblica vom Dienstag.

Und das Oppositionsblatt steht mit seinem Pessimismus nicht allein. In den vergangenen Tagen ist der Risikoaufschlag auf italienische Staatsanleihen kontinuierlich gestiegen; Am Mittwoch gab es mit zwischenzeitlich 7,16 Prozent Rendite einen Negativrekord seit Einführung des Euro. Weit mehr als fünf Prozentpunkte teurer als deutsche Titel waren die italienischen Bonds mit zehnjähriger Laufzeit. Die Marke von sieben Prozent wird als psychologisch wichtig gesehen, weil Portugal und Irland Hilfe beim Rettungsfonds EFSF beantragt haben, nachdem die Renditen diese Marke übersprungen hatten.

Schon jetzt, meint die Präsidentin des italienischen Industrieverbands Confindustria, Emma Marcegaglia, ist der Notstand da: "Mit einer solchen Zinsdifferenz können wir nicht weitermachen. Damit steigen die Zinskosten um 8,7 Milliarden Euro pro Jahr. Wir brauchen eine schnelle Lösung."

Gerne verweisen die Regierung und die Banca d’Italia darauf, dass Italiens enormer Schuldenberg von knapp 1,9 Billionen Euro höchst solide finanziert sei. Mit einer mittleren Restlaufzeit der Staatstitel von 7,2 Jahren, so ihr Argument, werde auch ein kurzfristiger Zinsanstieg unmittelbar keinen Schock auslösen. In dem am 2. November veröffentlichten Financial Stability Report rechnet die Banca d’Italia gar vor, dass selbst ein Zinssatz von acht Prozent auf mittlere Sicht zu verkraften sei. Selbst bei Nullwachstum bliebe der Anteil der Schulden mit gut 120 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis zum Jahr 2014 stabil, bei leichtem Wachstum sei sogar ein leichter Rückgang auf 116 Prozent möglich.

Ist die Lawine noch aufzuhalten?

Und auch sonst bemüht sich die Zentralbank, die positiven Fundamentaldaten des Landes gebührend herauszustreichen. Zum Beispiel die Tatsache, dass Italien, nach einem Primärüberschuss von wahrscheinlich 0,9 Prozent im laufenden Jahr, fürs nächste Jahr gar ein Plus von 2,6 Prozent der öffentlichen Einnahmen gegenüber den Ausgaben ohne Berücksichtigung des Zinsdienstes und im Jahr 2013 dann von 4,1 Prozent erwartet. Zudem weisen die italienischen Zentralbanker darauf hin, dass ausländische Gläubiger nur 42,4 Prozent der italienischen Staatsschulden halten, dass die privaten Haushalte mit bloß 45 Prozent vom BIP so gering verschuldet sind wie in keinem anderen Land, dass die Banken nach 2008 keine schwerwiegenden Schieflagen hatten.

Alles richtig – doch können solch beruhigende Töne noch die Lawine aufhalten, die scheinbar unaufhaltbar ins Rollen gekommen ist? Staatsanleihen im Wert von immerhin noch etwa 60 Milliarden Euro muss Italien allein in den verbleibenden Wochen bis zum Jahresende am Markt platzieren, und ausgerechnet im Jahr 2012 steht ein weiterer Refinanzierungsbedarf von 280 Milliarden Euro ins Haus.


Refinanzieren muss Italien sich zudem in einer Situation, die eben nicht stabil ist – und es selbst beim vorgeblich noch zu tolerierenden Zinssatz von acht Prozent nicht würde. Seit Juli steigt die Zinsdifferenz zu deutschen Papieren scheinbar unaufhaltsam, und dies, obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) schon italienische Schulverschreibungen in Milliardenhöhe aufgekauft hat. Zwar liegen genaue Zahlen nicht vor, bekannt ist nur, dass die EZB bisher italienische und spanische Anleihen in Höhe von 110 Milliarden Euro erwarb. Experten gehen davon aus, dass der überwiegende Teil italienische Papiere waren – doch den kontinuierlichen Zinsanstieg konnten die Aktionen nur bremsen, nicht stoppen.