ZEIT ONLINE: Herr Norgrove, die Kritiker von Mindestlöhnen argumentieren, dass viele Menschen durch die Lohnuntergrenzen ihren Arbeitsplatz verlieren. Wie war das in Großbritannien?

David Norgrove: Unsere Erfahrung ist eine andere. Wir haben keinen Hinweis, dass der Mindestlohn die Arbeitslosigkeit erhöht hat. Als er im Jahr 1999 eingeführt wurde, gab es viele Skeptiker, auch ich gehörte zu ihnen. Heute ist der Mindestlohn in weiten Teilen des politischen Spektrums akzeptiert.

ZEIT ONLINE: Also ist die Warnung vor dem Verlust von Arbeitsplätzen nur ideologisch motiviert?

Norgrove: Nicht unbedingt. Es kommt sehr darauf an, wie man den Mindestlohn gestaltet, vor allem in welcher Höhe man ihn einführt. Hinzu kommt: Lohnuntergrenzen dürfen nicht zu kompliziert sein. In Großbritannien wäre es zum Beispiel falsch, verschiedene Mindestlöhne in einzelnen Teilen des Landes einzuführen – allein schon deshalb, weil die Unterschiede innerhalb der Regionen größer sind als zwischen den Regionen.

ZEIT ONLINE: In Deutschland gibt es in vielen Branchen unterschiedliche Mindestlöhne. Das wäre dann keine gute Idee.

Norgrove: Ich weiß zu wenig über Deutschland. Aber ich stelle mir ein solches System als sehr unflexibel vor. Mit Mindestlöhnen muss man vorsichtig umgehen. Je mehr Mindestlöhne es gibt, desto mehr Daten muss ich besorgen, desto mehr Entscheidungen muss ich treffen. Die Gefahr wird größer, einen Fehler zu machen.

ZEIT ONLINE: Wie hat man in Großbritannien den Mindestlohn eingeführt?

Norgrove: Vorsichtig. Am Anfang war der Mindestlohn moderat. Dann hat man ihn schnell angehoben. Außerdem haben wir dazugelernt. Wir wissen heute zum Beispiel, dass es richtig ist, die Lohnuntergrenzen nach Alter zu staffeln – sonst steigt die Gefahr, dass die Jugendarbeitslosigkeit zunimmt. Deshalb haben wir in Großbritannien mittlerweile drei Mindestlöhne: für die Jungen im Alter von 17 bis 18, für die Gruppe der 18- bis 20-Jährigen und für die Erwachsenen.

ZEIT ONLINE: Sie stehen in Großbritannien der Low Pay Comission vor, ein neunköpfiges Gremium, das der Regierung die Höhe des Mindestlohns empfiehlt. Wie geht das genau?

Norgrove: Drei von uns sind Vertreter aus der Wirtschaft, drei sind von den Gewerkschaften. Außerdem gibt es zwei Arbeitsmarktökonomen und mich als Vorsitzenden. Wir haben einen Etat, um unabhängige Arbeitsmarktforschung in Auftrag zu geben, und wir haben ein Sekretariat, das selbst Forschung betreibt. Wir reisen durch das Land und sprechen mit Unternehmen und Arbeitnehmern. Einmal im Jahr kommen wir zwei Tage lang zusammen, sammeln alle Erkenntnisse und einigen uns auf eine Empfehlung. In ihr steht unter anderem drin, wie hoch der Mindestlohn sein sollte.

ZEIT ONLINE: So ähnlich stellt sich das in Deutschland die CDU vor. Dort wünscht man ebenfalls eine Kommission, die einen "unpolitischen" Mindestlohn festlegt. Gibt es den überhaupt?

Norgrove: In Großbritannien haben wir zumindest das Ziel, dass der Mindestlohn nicht politisch ist. Bislang hat auch keine Regierung unsere Empfehlungen abgelehnt. Der große Test steht allerdings noch aus. In den vergangenen Jahren war es schließlich immer die gleiche Partei – die Labour Party – die unsere Ratschläge umgesetzt hat. Die neue Regierung hat aber zugesagt, dass sich das nicht ändern wird.