Die Geschichte ist ein unerbittlicher Lehrmeister. Vor zwei Tagen glaubte der britische Premierminister David Cameron noch, die Quadratur des europäischen Kreises sei greifbar nahe. Er wolle sich auf dem EU-Gipfel für ein neues Europa einsetzen, schrieb er in der Times, für eine wettbewerbsstarke, dynamische, weltoffene Gemeinschaft. Einen Tag später holt ihn die Vergangenheit ein.

Die politischen Karrieren vier der letzten fünf Führer der Torys zerbrachen am Streit über Europa. Der Labour-Premier Tony Blair erlitt seine größte Niederlage, als sein euroskeptischer Schatzkanzler den Eurobeitritt Großbritanniens hintertrieb. Unter Cameron schlossen die Torys Frieden mit der EU. Ein im Juli durchs Unterhaus gegangenes Gesetz rückte ein von manchen Hinterbänklern gefordertes EU-Referendum in weite Ferne.

In der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes herrschte seither die im Economist formulierte, ironisch zuversichtliche Ansicht vor, die EU werde sich schon irgendwie zusammenraufen – gefolgt von erleichtertem Aufatmen und weiterem Durchwurschteln. Doch der von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy ausbaldowerte Plan zur Euro-Rettung hat auf der Insel wie ein Windstoß ein nur noch harmlos glimmendes Feuer neu entfacht.

Es weitet sich zum Flächenbrand aus. Zuvor machten nur einige Dutzend Hinterbänkler im Unterhaus Stimmung gegen die kontinentaleuropäischen Nachbarn. Nun ist der Funke ins Kabinett übergesprungen. Wenn die 17 Euroländer ein Abkommen träfen, ohne die zehn anderen Mitglieder des Clubs zu berücksichtigen, sagte der Nordirlandminister Owen Paterson, so käme das der Entstehung einer neuen Nation und der Aufkündigung der Gemeinschaft in ihrer gegenwärtigen Form gleich. Londons einflussreicher Bürgermeister Boris Johnson legte nach und fordert eine Volksabstimmung über den Verbleib in dieser neuen EU.

Die Debatte hat sich radikal verschärft. Vereinzelte Kommentatoren sahen schon in der erzwungenen Einsetzung von einer technokratischen Regierungen in Griechenland und Italien ohne ein demokratisches Mandat Vorboten einer neuen Diktatur auf dem Kontinent. Die von Brüsseler Bürokraten verordnete Haushaltsdisziplin, die Kommissionspräsident José Manuel Barroso den Mitgliedsstaaten verordnen will, verträgt sich ebenfalls schlecht mit der britischen Tradition parlamentarischer Demokratie. Doch wenn Unionsfraktionschef Volker Kauder nun großtönend von sich gibt, in Europa werde wieder Deutsch gesprochen, und wenn die Welt nach "deutscher Härte" ruft, wird das mit mehr als nur mit Missbehagen wahrgenommen. Da spielt die Angst hinein, die europäische Nachkriegsordnung stehe auf dem Spiel.