So eine Lobbyschlacht hat Brüssel selten erlebt. Und selten haben sich so prominente Namen eingemischt. Noch vor wenigen Tagen schrieb die US-Außenministerin Hillary Clinton nach Brüssel. Sie wollte in letzter Minute verhindern, was Europas gutes Recht ist. Brüssel will, dass die Luftfahrtindustrie für die von ihr verursachte Luftverschmutzung eine Zwangsabgabe zahlt. An diesem Mittwoch hat der Europäische Gerichtshof eine Klage mehrerer US-Fluggesellschaften abgewiesen. Damit ist der Weg endlich frei für die Einbeziehung der Luftfahrtindustrie in den Emissionshandel.

Sie ist längst überfällig. Kein anderer Verkehrsträger wächst derart rasant wie die Flugzeugindustrie. Binnen zwei Jahrzehnten hat sich der Luftverkehr verdoppelt. Dieses Wachstum frisst jede Sparanstrengung, etwa in der Triebwerksentwicklung, auf. Künftig werden Fluggesellschaften jedoch belohnt, wenn sie eine möglichst moderne Flotte fliegen.

Die EU-Kommission teilt nun jeder Airline, die in Europa startet oder landet, für ihre Flieger Verschmutzungsrechte zu. Anfangs werden 85 Prozent kostenlos ausgegeben. Wer mehr benötigt, muss sie am Markt hinzukaufen, wer weniger braucht, kann sie verkaufen. Damit hat Verschmutzung einen Preis. Hoch ist er aus Passagiersicht nicht. Die EU-Kommission kalkuliert innerhalb der EU für einen Hin- und Rückflug mit zusätzlichen Kosten bis zu neun Euro. In Richtung New York werden für einen Flug zwölf Euro fällig.

Aus Sicht der Fluggesellschaften ist die Rechnung finsterer. Air Berlin kalkuliert mit 30 Millionen Euro zusätzlichen Kosten pro Jahr, die Lufthansa rechnet mit bis zu 300 Millionen Euro. Die europäischen Fluglinien – so haben sie immer wieder betont – sind gern bereit, die zusätzlichen Kosten zu tragen, aber nur, solange alle Fluggesellschaften der Welt sich daran beteiligen. Lufthansa und Co. wussten natürlich, dass der Widerstand überwältigend sein würde.

Was sie unterschätzt haben: Bei manchen Themen knickt die Kommission nicht ein , wenn die Branche laut aufschreit. Woche für Woche nahm die Debatte zuletzt an Schärfe zu. Mal beschwerten sich die Chinesen, dann die Russen, schließlich die Amerikaner. US-Fluglinien soll nach einem Beschluss des Repräsentantenhauses absurderweise gar verboten werden, dem Emissionshandel beizutreten. Als hätten sie eine Wahl.

Die Hauptkritik entlud sich an der Tatsache, dass die Flugzeuge etwa bei einem Transatlantikflug den Großteil des Fluges nicht auf europäischem Hoheitsgebiet zurücklegen würden. Gerade dieses Vorgehen hat der EuGH nun ausdrücklich für rechtens befunden.

Die Kommission blieb stur, auch weil sich das internationale Gremium der Zivilluftfahrt ICAO jahrelang nicht mit seinen Mitgliedern auf einen Beitrag zum Klimaschutz einigen konnte. Der Druck der EU wirkt nun Wunder. Bis Ende 2012 will ICAO ein globales Abkommen vorlegen. Genügt das den europäischen Ansprüchen, brauchen Fluggesellschaften keine Doppelbelastung fürchten.

Die Luftfahrtbranche wird sich zunächst dem EuGH-Urteil beugen müssen – und wie geplant am Emissionshandel innerhalb der EU teilnehmen. Am Ende wird ohnehin alles weniger schlimm, als die Manager heute und in den nächsten Tagen mutmaßen werden.

Wer das nicht glaubt, möge sich noch einmal an die unendliche Debatte um Abgaswerte für Autos erinnern. Was hat die Branche gewarnt vor unbezahlbaren Nachrüstungen und teuren Extras. Tatsächlich ging der CO2-Ausstoß der EU-Flotte im vergangenen Jahr um vier Prozent zurück, und die Autos wurden nach Schätzungen der Organisation Transport & Environment zugleich im Schnitt mehr als 2,4 Prozent pro Jahr günstiger.