Der Chef der Euro-Gruppe Jean-Claude Juncker hat die Drohung der Rating-Agentur Standard & Poor's, die Kreditwürdigkeit der gesamten Euro-Zone herabzustufen, scharf kritisiert. Die Einschätzung der Agentur sei maßlos überzogen und ungerecht, sagte Junker im Deutschlandfunk. Die Euro-Zone sei "dabei, die Dinge in Ordnung zu bringen". Er empfehle, die Ratings nicht so ernst zu nehmen.

Standard & Poor's hatte 15 Euro-Ländern mit der Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit gedroht. Damit könnte auch erstmals Deutschland seine Spitzennote AAA verlieren. Je nachdem, welche Entscheidungen auf dem EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag beschlossen werden, droht für die betroffenen Staaten eine Herabstufung innerhalb der nächsten drei Monate. Die Folge könnten höhere Zinsen für neue Schulden sein. Das würde die ohnehin angespannte Lage weiter verschlimmern.

S&P begründete den Schritt mit einer besorgniserregenden Entwicklung in der von der Schuldenkrise gebeutelten Euro-Zone. Die Agentur teilte mit, Deutschlands Spitzenrating werde möglicherweise um eine Stufe gesenkt werden. Frankreich droht sogar die Absenkung um bis zu zwei Stufen. Ein gutes Rating ist die Voraussetzung, um sich an den Kapitalmärkten zu günstigen Konditionen frisches Geld zu besorgen.

Die mögliche Herabstufung drückte den Dax am Morgen ins Minus. Der Leitindex gab um 1,4 Prozent auf 6.019 Zähler nach. Auch der Euro reagierte mit Verlusten, die Währung rutschte unter die Marke von 1,34 US-Dollar.

Merkel und Sarkozy beschwichtigen

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat auf die Ankündigung der Rating-Agentur betont gelassen reagiert. "Was eine Ratingagentur macht, das ist in der Verantwortung der Ratingagentur", sagte Merkel. Sie bekräftigte ihren Willen zu einem grundlegenden Umbau der Währungsunion. Dies sei allerdings ein längerer Prozess, dessen Weg vorgezeichnet sei. "Auf diesem Weg werden wir weiter voranschreiten", sagte Merkel.

Die Kanzlerin und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatten sich bereits am Montag zu der Ankündigung von S&P geäußert. Es würden alle notwendigen Maßnahmen getroffen, "um die Stabilität der Euro-Zone zu gewährleisten", teilten sie in einer gemeinsamen Stellungnahme mit. Zuvor hatten sie in Paris eine rasche Verschärfung der Euro-Spielregeln vereinbart. Beim EU-Gipfel sollen nach ihrem Willen die Weichen für die nötige Änderung der EU-Verträge gestellt werden. Bis März 2012 sollen die Verhandlungen abgeschlossen sein.

Die Analysten von S&P scheinen aber nicht überzeugt, dass die Versprechen fruchten werden. Die Probleme in der Euro-Zone hätten in den vergangenen Wochen ein Maß erreicht, das die Zone als Ganzes unter Druck setze, schrieben sie und beklagten, die europäischen Politiker seien weiterhin uneins, wie sie mit der Krise umgehen sollten.

Im Falle von Deutschland begründete S&P die mögliche Herabstufung mit der engen Verflechtung innerhalb Europas und den damit einhergehenden Gefahren für die deutsche Wirtschaft und den staatlichen Schuldenabbau. Es gebe das Risiko, dass die Euro-Zone als Ganzes im kommenden Jahr in die Rezession rutsche. Die Wahrscheinlichkeit liege bei 40 Prozent. Für Staaten wie Spanien, Portugal und Griechenland geht S&P ganz sicher von einem Wirtschaftsabschwung aus.

Unionspolitiker fordert stärkere Kontrolle

Der Unionshaushaltspolitiker Norbert Barthle zeigte sich angesichts des Schrittes von S&P gelassen. "Das überrascht mich nicht und zeigt, dass diese Krise demnächst überwunden sein wird", sagte Barthle. Der CSU-Finanzpolitiker Hans Michelbach sagte, Ziel der Ankündigung sei offenbar, vor dem EU-Gipfel zusätzliche Nervosität zu erzeugen. Er kritisierte eine "willkürliche Entscheidung ohne Bezug zur Wirklichkeit" und forderte eine schärfere Kontrolle der Rating-Agenturen. "Die EU-Kommission muss ein klares Signal an die Agenturen aussenden, dass Europa das Treiben nicht länger tatenlos hinnehmen wird", sagte Michelbach.

S&P beschränkte sich bei dem Warnschuss nicht darauf, den Ausblick für das Rating auf "negativ" zu senken, wie es üblich ist. Die Agentur wählte die schärfere Form des "CreditWatch with negative implications", was eine höhere Dringlichkeit der Überprüfung bedeutet. S&P hat nun bis zu 90 Tage Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Die Agentur will auf jeden Fall den EU-Gipfel Ende der Woche abwarten.

Neben Deutschland und Frankreich besitzen die Niederlande, Österreich, Finnland und Luxemburg eine Topbonität von AAA. Die meisten anderen Länder der Euro-Zone verfügen immerhin noch über eine gute oder sehr gute Bonität. Ein "befriedigend" haben Irland, Portugal und Zypern, wobei S&P das Rating von Zypern unter besondere Beobachtung gestellt hatte. Griechenland ist auf Ramsch-Status abgestuft; S&P hält die Wahrscheinlichkeit eines Bankrotts in naher Zukunft für "relativ hoch".

USA bekommen trotzdem günstige Kredite

Es gibt allerdings keinen Automatismus zwischen Ankündigung und Herabstufung. S&P hatte im Sommer die USA wegen ihrer überbordenden Schulden mit einer Herabstufung ihrer Bonität auf die zweitbeste Note AA+ schockiert. Dennoch ist der Zinssatz eher gesunken, den die Vereinigten Staaten für neue Kredite zahlen müssen. Die Angst vor weiteren Verwerfungen in der Euro-Zone hatte viele Investoren ihr Geld in US-Anleihen stecken lassen.

Finnland sieht seinen Bankensektor trotz des Warnschusses von S&P nicht in Gefahr. Die Banken des Landes seien relativ gesund, teilte das Finanzministerium mit. Die französische Regierung sieht ebenfalls keine Notwendigkeit für Konsequenzen. "Das Problem ist ein Vertrauensproblem (in der Euro-Zone) ... Wir brauchen eine bessere Integration auf Haushaltsebene", sagte der französische Finanzminister François Baroin dem Sender France 3. "Wir benötigen keinen dritten Sparplan. Wir brauchen keine weiteren Maßnahmen. Wir müssen die Koordinierung der europäischen Politik verstärken", sagte er.