Hatten Sie das letzte Mal, als Sie Mozartkugeln aus Österreich aßen, den Eindruck, ein großes Risiko einzugehen? Oder beim Genuss eines Almdudlers am Bundespressestrand? Wenn nein, warum geht beim Import von Strom aus Österreich so ein Aufschrei durch die Medien, als stünde der Zusammenbruch des Energiesystems bevor? Eine Zeitung sprach in der vergangenen Woche sogar vom "Vabanquespiel" mit der Versorgungssicherheit.

Richtig ist, dass ein Netzbetreiber in Deutschland Anfang Dezember Reservekapazität für Strom aus einem Kraftwerk bei Graz importiert hat und dass in enger Absprache mit den Regulierungsbehörden Bundesnetzagentur (Deutschland) und e-Control (Österreich) weitere Gespräche mit möglichen Lieferanten von Reserveleistung geführt werden. Jedoch ist dieser Vorgang insofern unspektakulär, als dass das österreichische und das süddeutsche System seit der Marktöffnung aufs Engste verbunden sind, so dass es – elektrotechnisch gesehen – überhaupt keinen Unterschied mehr zwischen deutschem und österreichischem Strom gibt. 

Die Koordinierung zwischen Netzbetreibern, der Firma Tennet auf deutscher und der Austrian Power Grid (APG) auf österreichischer Seite, läuft vorbildlich, und Stromerzeuger auf beiden Seiten der Grenze nehmen an den jeweiligen Regelenergiemärkten teil. Das deutsch-österreichische Stromsystem ist sicher. Es gehört nach wie vor zu den stabilsten in Europa und hat diese Qualität auch gerade in den vergangenen Wochen und Monaten eindrucksvoll bewiesen. Schon gar nicht kann der Bau neuer Kohlekraftwerke mit dem Verweis auf die vermeintlich gefährdete Versorgungssicherheit gerechtfertigt werden.

Wollte man aus den jüngsten Vorkommnissen dennoch eine Lehre ziehen, bezöge sie sich auf die Bedeutung der lokalen, meist bilateralen Kooperation; diese wurde landläufig unterschätzt, lag der Fokus doch einseitig auf der, nach wie vor richtigen, Bildung eines nachhaltigen gesamteuropäischen Binnenmarktes.

Letzterer stockt jedoch: De facto kommen die transeuropäischen Netze derzeit nicht richtig voran, sei es im Süden der Mittelmeerring oder im Norden das Nordseenetz. Dagegen funktionieren lokale Koordinationsmechanismen unkomplizierter, wie in diesem Beispiel oder auch innerhalb der skandinavischen oder der Benelux-Staaten. Dass dies nicht immer über Strommärkte, sondern auch aufgrund von bi- oder trilateralen Verträgen beziehungsweise unter regulatorischer Aufsicht erfolgt, mag für marktgläubige Ordnungspolitiker neu sein, dürfte jedoch effizient sein und zu geringeren Strompreisen führen als nationale Alleingänge.

Übrigens: Stromimporte aus Österreich sind seit 1925 üblich, als der RWE-"Verbundbetrieb" das Ruhrgebiet und Österreich mit einer Höchstspannungsleitung verband.