Die Banker subventionieren das Königreich – Seite 1

2012, kündigte Großbritanniens Premierminister David Cameron jüngst an, gehe es den Bankern und ihren extravaganten Gehältern und Boni an den Kragen. Die Ankündigung ist krasser Populismus. Wäre es dem Regierungschef ernst mit dem Vorhaben, könnte man es am ehesten mit der englischen Redewendung "Die Stalltür zuschlagen, nachdem das Pferd durchgegangen ist" charakterisieren.

Mitte vergangenen Jahres erwartete die Branche in der Tat erneut einen satten Geldregen. Doch jetzt ist der Gaul reumütig in seinen Stall zurück getrottet. Im gegenwärtigen Steuerjahr, es endet wie seit 1751 am 5. April, werden die Prämien der Banker um 38 Prozent niedriger ausfallen als im Jahr zuvor, schätzt das Centre for Economics and Business Research . Verglichen mit dem letzten Boom-Jahr 2007 bedeutet das ein Minus von 64 Prozent von 11,6 auf 4,2 Milliarden Pfund.

Die Euro-Krise und die Schwäche der vermutlich in eine erneute Rezession abrutschenden britischen Wirtschaft schlagen erbarmungslos zu. Das Realeinkommen der über eine Millionen in der britischen Finanzindustrie beschäftigten Menschen wird 2012 um ein Fünftel niedriger ausfallen als im Vorjahr. 30.000 werden in den nächsten Monaten ihre Arbeit verlieren. Noch vor einem Jahr bewarben sich im Schnitt nur 1,7 Leute um jede offene Stelle in der Branche, jetzt sind es fünf.

In der City und in anderen Finanzzentren wie Birmingham und Edinburgh werden über zehn Prozent des britischen Nationalprodukts erwirtschaftet. Zwar verdienen die Angestellten der Banken, Versicherungen und Investmentfirmen mit 42.000 Pfund fast doppelt soviel wie der britische Durchschnitt. Doch von den mythischen Porsche- und Ferrari-Gehältern ist die große Mehrheit weit entfernt.

Die Finanzbranche beschäftigt nur vier Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Doch deren öffentliche Versicherungszahlungen und Steuern summieren sich zu über zwölf Prozent aller auf Einkommen beruhenden Staatseinnahmen. Zählt man die Umsatz- und Körperschaftssteuern ihrer Arbeitgeber hinzu, so hat jedes achte für Bildung, Gesundheitswesen, Sozialhilfe und andere öffentliche Leistungen ausgegebene Pfund seinen Ursprung in der Finanzindustrie. Die ungelittenen Banker halten nicht nur sich selbst, die City und London in Gang, sie subventionieren das gesamte Königreich. 

Eine Reform des Bankenwesens ist überfällig

Die tonangebende Elite des aufgeklärten Kapitalismus – der Guardian , die BBC und die Financial Times – bürdet den Sündenböcken des 21. Jahrhunderts dennoch wie im 3.Buch Moses das Sühneopfer für alle Verfehlungen der vergangenen Jahre auf – für die Jahre, in denen sich die ganze Insel in ein übergeschnapptes Immobilienkasino verwandelte. Der Philosoph René Girard erkennt in derartig irrationalen Schuldzuweisungen an eine spezifische Gruppe ein Ritual, durch das die Gesellschaft sich von ihrer inneren Zerrissenheit zu befreien sucht.

Das soll nicht heißen, eine grundlegende Reform des britischen Bankwesens sei nicht überfällig. Die ist angekündigt und soll 2012 angegangen werden. Sie wird allerdings frühestens in drei Jahren Gesetzeskraft erlangen und nicht vor 2019 greifen. Dann sollen Banken ihre offenen Positionen durch mindestens 17 bis 20 Prozent Eigenkapital anstatt durch verlustabsorbierende Schuldtitel abdecken.

2008 rettete die Regierung Northern Rock, die Royal Bank of Scotland und die Bank of Scotland mit 67 Milliarden Pfund vor dem Bankrott – fast acht Prozent der für jenes Jahr geplanten Staatsausgaben. Der Aktienwert der drei Unternehmen ist seither um 39 Milliarden Pfund gefallen – ein Verlust von 55 Prozent an der verzweifelten Investition. So etwas soll nie wieder vorkommen. Auch nicht, dass der Staat wie gegenwärtig das Überleben des Bankensektors mit einer Summe garantiert, die fast zwei Mal so hoch ist wie seine jährlichen Einnahmen.

Die Geldinstitute werden eine neue Umlage entrichten und ihre spekulativen Aktivitäten durch undurchdringliche interne Schutzwälle von den für Privat- und Geschäftskunden bestimmten Geschäftszweigen abtrennen müssen. Die Bank of England soll verloren gegangene Befugnisse zur Überwachung der Kreditanstalten zurückerhalten.

Krisen sind keine guten Zeiten für Reformen. Die Banken und Rating-Agenturen zetern, sie könnten die auf sie zukommenden Kosten und Kontrollen nicht verkraften. Doch in Wirtschaftswunderzeiten rückt ihnen niemand an den Ranzen. Da tanzen alle fröhlich mit. Politiker, Normalbürger – und auch die Meinungselite, die sich jetzt so bitterlich über Zocker und gierige Banker beschwert.