Dass Politiker respektive Staaten ihre Schuldenprobleme gerne über Inflation lösen, haben die US-Ökonomen Reinhart und Sbrancia nachgewiesen . Den USA und Großbritannien etwa gelang es damit nach 1945, ihre Verbindlichkeiten in den Griff zu bekommen. Das Mittel: Streng regulierte Finanzmärkte und niedrige Zinsen auf der einen Seite, beständige Inflation auf der anderen. Ergebnis: In den Jahren zwischen 1945 und 1980 gab es in den entwickelten Volkswirtschaften häufig real negative Zinsen. Die Ersparnisse der Bürger schmolzen, während die Politiker stillschweigend ihre Lasten loswurden. " Financial Repression " nennen Reinhart und Sbrancia diese Ära. Womöglich kommt die bald wieder.

Dabei ist die EZB von der Politik vollkommen unabhängig, muss sich von keinem Parlamentarier Vorschriften machen lassen – jedenfalls auf dem Papier. In der Praxis sind die Währungshüter längst vom Schiedsrichter zum Mitspieler geworden. Eine harte Zinspolitik liegt nicht in ihrem Interesse – sie brächte die Schuldenstaaten ins Straucheln. Dann stünde der Euro in Frage und auch der Fortbestand der EZB.

Aktuell ist Inflation noch kein Thema, 2011 waren es 2,3 Prozent . Den Unternehmen fehlt in der Krise der Spielraum für Preiserhöhungen. Mit um 1,7 Prozent höheren Preisen im neuen Jahr rechnet etwa Roland Döhrn, Konjunkturchef am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung.

Der Theorie zufolge kommt es nur dann zu Inflation, wenn die Zentralbank mehr Geld druckt, als die Menschen brauchen. Sie geben die überschüssigen Scheine aus, der Handel kann die Preise erhöhen. Das derzeit entstehende zusätzliche Geld, rechtfertigt sich die EZB, komme aber in der Realwirtschaft gar nicht an, die Banken horten es. Erst wenn sie wieder Mut fassten und Kredite an Unternehmen vergeben, speisten sie das Geld in den Kreislauf ein. Spätestens dann muss die EZB die überschüssige Liquidität eingesammelt haben – die Fachleute sprechen von "sterilisieren".

Stefan Homburg, Finanzwissenschaftler an der Universität Hannover, hält das für ein schwieriges Unterfangen. "Das kann sie im Hinblick auf die realwirtschaftliche Entwicklung nicht so ohne weiteres machen", sagte er dem Tagesspiegel . Er hält die EZB für fast handlungsunfähig. "Angenommen, nächsten Monat würden fünf Prozent Inflation gemessen – die EZB könnte nicht viel tun." Weder könne sie die Zinsen erhöhen, noch Staatsanleihen wieder auf den Markt werfen und so die Geldbasis verringern; beides würde die Südländer in Bedrängnis bringen.

Homburg rechnet deshalb mit bald steigenden Inflationsraten. Schon jetzt verfehlt die Notenbank ihre Zielmarke von zwei Prozent für den Euroraum deutlich. "Eine trabende Inflation, wie man sie in den siebziger Jahren hatte, ist wahrscheinlich", befürchtet er. 1973 hatte die Inflationsrate bei 7,1 Prozent gelegen. In erster Linie gehe es um Erwartungen, sagt Homburg. Steigende Preise gebe es, wenn die Leute damit rechneten. Das bedeutet: "Auch wenn die Realwirtschaft stagniert, ist Inflation möglich – wie bei der Stagflation in den siebziger Jahren. Es ist erstaunlich, dass diese Phase im Bewusstsein vieler Menschen nicht mehr vorkommt." Behält er recht, steht der EZB der schwierigste Job noch bevor – das Geld wieder stabil zu bekommen.

Erschienen im Tagesspiegel