Ballyhea ist ein 1000-Einwohnernest im tiefsten irischen Moorland. Seit dem vergangenen Mai proben hier jeden Sonntag einige Dörfler den Aufstand gegen die Sparpolitik ihrer Regierung. Zwanzig, dreißig Seelen marschieren hinter einem Spruchband mit der Aufschrift "Ballyhea sagt Nein" her. Zehn Minuten lang, von der Kirche zur Bücherei und zurück.

Der Organisator der rührenden Veranstaltung hoffte wie beim arabischen Frühling auf einen Multiplikatoreffekt. Bislang wurde der Like-Knopf auf der Facebook-Seite der Protestler ganze 479 Mal angeklickt.

Irlands Regierung hat die Staatsverschuldung im vergangenen Jahr durch Etatstreichungen und Steuererhöhungen um sechs Milliarden Euro gesenkt. Dieses Jahr soll das Defizit um weitere vier Milliarden Euro kleiner werden. Pro Einwohner will die Regierung 4.600 Euro sparen. Nach Ansicht des Ökonomen Karl Whelan vom University College Dublin erlebt Irland "die umfassendste Etatanpassung der Neuzeit in der entwickelten Welt".

Das Volk akzeptiert die Radikalkur wie einen Ablass für die Sünden vor dem Zusammenbruch . Vor der Krise trieb der Finanzminister und spätere EU-Kommissar Charlie McCreevy die öffentlichen Ausgaben um 48 Prozent nach oben und senkte die Steuern. Kleinbauern rissen ihre Katen ab und pflanzten an ihrer Stelle ausladende neoklassizistische Villen mit breiten Teerauffahrten auf ihre Felder. Autoimporteure konnten mit der Nachfrage nach schweren Allradlimousinen kaum mehr Schritt halten. Dublin pflegte seinen Ruf als Wilder Westen der europäischen Bankenindustrie . Eine Villa in einem der besten Viertel Dublins wechselte damals für 58 Millionen Euro den Besitzer – ein höherer Quadratmeterpreis als für vergleichbare Objekte in Manhattan .

Die Party ist seit vier Jahren vorüber. Doch mit dem Patienten geht es bergab – trotz der von der EU und dem internationalen Währungsfond verschriebenen bitteren Medizin. Im dritten Quartal 2011 schrumpfte die irische Wirtschaftsleistung um zwei Prozent. Sollten die Zahlen für das vierte Quartal den Abwärtstrend bestätigen, steckt das Land offiziell wieder in einer Rezession. Trotz der drakonischen Sparpolitik haben Rating-Agenturen Irlands im Dezember 2010 auf Schrottniveau abgestürzte Kreditwürdigkeit nicht aufgewertet.

Die Wurzel des Übels ist der fast völlig zum Stillstand gekommene Immobilienmarkt. Während des Booms trug die Bauindustrie 24 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei – doppelt so viel wie im europäischen Durchschnitt. Jeder fünfte Arbeitnehmer verdiente seinen Lebensunterhalt auf dem Bau oder indirekt durch den Bauboom. Die Branche lieferte 18 Prozent aller Steuereinnahmen. Banken trugen ihrem unersättlichen Appetit auf Kredit mit immer uferloseren Darlehen Rechnung. Das nötige Geld dafür besorgten sie im Ausland.