Pathos ist Irland nicht fremd. Doch die nationale Erregung, welche die Nation jetzt ergriffen hat, stellt Gefühlsaufwallungen vergangener Jahre in den Schatten. Das Parlament unterbrach seine Tagesordnung. Die Opposition erhielt ganze acht Minuten Vorwarnung, bevor Ministerpräsident Enda Kenny eine Erklärung abgab, das Volk werde über den irischen Beitritt zum Euro-Stabilisierungspakt entscheiden . Kenny sprach von einem historischen Meilenstein.

Dem Regierungschef blieb keine andere Wahl, als das Volk entscheiden zu lassen. Die irische Verfassung lässt Eingriffe in die Souveränität ohne ein Referendum nicht zu. Also schob er die Entscheidung dem Generalbundesanwalt zu. Nach dessen Urteil beschränken die geplanten fiskalischen Überwachungsmechanismen die nationale demokratische Freiheit so sehr, dass bloß die parlamentarische Mehrheit nicht ausreicht.

Hätte er anders entschieden, wären etliche Abgeordnete – unter ihnen der Sinn Féin-Chef Gerry Adams – vor Gericht gegangen, um den Volksentscheid zu erzwingen. Eine Ratifizierung des Abkommens, das Kenny am Freitag zusammen mit den Regierungschefs der anderen 24 Paktstaaten unterschreiben wird, wäre in jedem Fall unmöglich geworden.

Nun formieren sich die Lager der Ja-Sager und der Nein-Sager. Die Entscheidung bürdet den Iren eine Last auf. Für den moderaten Kenny geht es darum, durch ein Ja sicherzustellen, dass keine irische Regierung das Land mehr an den Rand des Ruins treiben kann. Der Stabilitätspakt, so Kenny, schreibe nur die Sparmaßnahmen fest, zu denen sich das Land ohnehin durchgerungen habe. Dabei verschweigt er die niedrigen Körperschaftssteuern und Unternehmensabgaben, an denen Irland nach einer Ratifizierung kaum festhalten können wird.

Bei einem Nein sind Neuwahlen wahrscheinlich

Ein Ja zur Einschränkung nationaler Hoheiten fällt den Iren ohnehin schwer. Die nationale Frage hat sich für sie auch mit dem Ende des Nordirlandkrieges 1999 noch nicht völlig erledigt. In der Vergangenheit stimmten die Iren bereits zweimal gegen EU-Verträge. Jedes Mal ließen sie sich in einem zweiten Wahlgang zu einem Ja überreden. Diesmal werden sie kaum eine zweite Chance bekommen.

Endet der Volksentscheid in einer Niederlage für Kelly, werden Neuwahlen unausweichlich. Dann werden alle Parteien Farbe bekennen müssen, wie sie mit dem wirtschaftlichen Absturz des Landes umgehen wollen. Dem Eurobarometer zufolge sind die Iren das europafreundlichste Volk der Union. Doch die Liebe zur EU ist nur so dick wie die Ablehnung Englands: Es geht ums Anderssein als die Briten.

Das Land wird mit einer Entscheidung leben müssen, deren Tragweite das irische Selbstverständnis für Generationen bestimmen wird. Entweder, sie werden Volleuropäer und verzichten auf ihre Sonderstellung am Westrand der britischen Inseln. Oder sie bleiben halb drinnen und halb draußen wie ihre britischen Nachbarn – und wachsen wieder enger mit Angelsachsen, Schotten und Walisern zusammen.