Der Digitalwecker imitiert Spatzengezwitscher und reißt Alexander aus dem Schlaf. Ein müder Blick auf die Datumsanzeige holt ihn in die Gegenwart: 27. Februar 2042, halb sieben Uhr morgens. Es ist Donnerstag, ein normaler Arbeitstag, Alexander ist spät dran. Er greift nach seinem faltbaren Tablet, klappt es auseinander und tippt seinen Sicherheitscode ein. Während des Zähneputzens überfliegt er die Nachrichten der Nacht.

Die wichtigste ist von Georg, der in Budapest sitzt und seine Termine managt: 8.30 Uhr Schaltkonferenz mit den Leuten von Ballot, einem Netzwerkanbieter. Um 10 Uhr kurz ins Büro von Personal Management, der Beraterfirma, die ihn für zwanzig Stunden in der Woche als Berater beschäftigt. Schnelles Mittagessen mit Milena. Danach eine halbe Stunde Mittagsschlaf, eine Stunde Yoga und eine Dreiviertelstunde Wissenserneuerung. Seine Universität in Hamburg schickt ihm dazu regelmäßig neueste Erkenntnisse zu. Um vier Uhr dann arbeiten im Home Office an einem Strategiepapier, gemeinsam mit Andrew, einem Amerikaner. Der schaltet sich per 3-D-Messenger zu.

Ein ziemlich gewöhnlicher Arbeitstag. Nichts Besonderes.

Alexander streift ein Hemd über, betritt sein Arbeitszimmer und betrachtet ein Foto an der Wand. Es zeigt seinen Vater hinter seinem Schreibtisch in der Firma, die ihn noch heute beschäftigt. Seit mehr als dreißig Jahren! Schon damals, kurz vor Alexanders Geburt, war der feste Vertrag seines Vaters keine Selbstverständlichkeit mehr: Rund 60 Prozent hatten noch eine normale Vollzeitstelle . Sein Vater war immer glücklich damit. Wäre er, Alexander, es auch?

Die Elite schickt ihre Produkte via Datenleitung

Sein Leben ist jedenfalls radikal anders: Seit Alexander die Uni vor fünf Jahren verlassen hat, stand seine Unterschrift schon unter vielen Arbeitsverträgen. Er hat sich spezialisiert, als Berater für schwierige Fusionen, bei denen andere Firmen scheitern. Im Moment arbeitet er an drei Aufträgen gleichzeitig. An manchen Tagen verlässt er seine Wohnung nur für einen Spaziergang. So machen es viele seiner Freunde. Berater, Programmierer, Manager, die Elite unter den Hochqualifizierten, sie alle schicken ihre Produkte und Ideen via Datenleitung in die Rechenzentren der Unternehmen , statt persönlich in Fabriken und Konzernzentralen zu gehen.

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Alexanders Kunden sitzen überall auf der Welt. Deshalb beginnt kaum ein Arbeitstag um neun und endet um fünf, wie bei seinem Vater. Ob Alexander insgesamt mehr arbeitet? Er hat gelesen, dass die Wochenarbeitszeit in Deutschland schon vor dreißig Jahren im internationalen Vergleich eher gering war. Glaubt man der Statistik, ist sie seither leicht gestiegen, wenn auch nicht dramatisch. Vielleicht wirkt es nur so, weil sich Arbeit und Freizeit immer ähnlicher werden. Manchmal ist beides kaum noch zu trennen.

Alexander schiebt sein Tablet in die Halterung auf dem Schreibtisch. Auf dem Monitor erscheint nun sein Profil, bei WORK, der größten privaten Arbeitsvermittlungsplattform im Netz. Es zeigt ein Foto von Alexander, auf dem er lächelt. Darunter steht: "Unternehmensberater. Experte für Fusionen. Kommunikationsexperte. Betriebswirt." Dann folgen seine Soft Skills: "Teamfähig. Lernbereit. Gutes Selbstmanagement".