ZEIT ONLINE: Welche Forschungsagenda, und welche Veränderungen der Lehre würden Sie denn vorschlagen, damit wir bei künftigen Krisen einen "besseren" Mainstream bekommen?

Burda: Ich kann heute keine Vorlesung halten ohne Verweise auf die Finanzkrise. 2008 habe ich hier mit einer Finanzkrisen-Ringvorlesung gestartet. Wir haben über zu billiges Geld, eine völlig unregulierte Kreditentstehung, schlechte Aufsicht gesprochen. Die Ergebnisse haben wir nicht veröffentlicht, weil es wissenschaftlich keine Rendite bringt. Aber es hat den Studenten viel gebracht.

ZEIT ONLINE: Moment. Wie kann es denn sein, dass auf dem Gipfel einer Finanzkrise eine solche Arbeit keine wissenschaftliche Anerkennung findet?

Burda: Ja, bei wem wollen Sie es veröffentlichen? (lacht)

ZEIT ONLINE: Unglaublich.

Burda: Nein, nicht unglaublich. Die Werkzeuge sind dafür ja längst da. Ein fundiertes Urteil über die Sachlage kann jeder gute Student abgeben. Und was jeder kann ist für die Wissenschaft nicht interessant und nicht innovativ.

ZEIT ONLINE: Aber es gibt doch sicher Möglichkeiten, Forschung und Lehre in dieser Richtung weiter voranzubringen. Zum Beispiel, damit man später früher solche Krisen erkennt?

Burda: Frühwarnsysteme einzurichten ist nicht unsere Aufgabe. Gut, es gibt die Wirtschaftsforschungsinstitute, und die könnte man auch mal anrufen und fragen – na, was habt Ihr denn da für Dinge übersehen?

ZEIT ONLINE: Was ist denn Ihre Aufgabe?

Burda: Ein Ökonom wird bezahlt, um über die Probleme nachzudenken. Wir sind keine Wirtschaftspolitiker und tragen keine direkte wirtschaftspolitische Verantwortung. Ich sage auch meinen Studenten: Es geht nicht darum, dass wir Marktwirtschaft predigen. Es ist wirklich so, dass viele Ökonomen – vor allem aus der ordo-liberalen Ecke – sehr überzeugt von der Marktwirtschaft sind. Aber wenn man wirklich sich damit beschäftigt, wie die Ökonomie sich entwickelt hat, dann geht es um eine größere Frage: Wie verwaltet eine Gesellschaft ihre knappen Ressourcen?

ZEIT ONLINE: Ja, und die Ressourcen sind unter Ihren Augen gerade ein ganzes Stück knapper geworden.

Burda: Ein Ökonom muss auch sagen können, zumindest in seiner akademischen Introspektion: Es muss hier und da mehr Regulierung geben. Und ich habe auch schon gesagt: Bei bestimmten Bedingungen sind Mindestlöhne keine so schlechte Idee.