ZEIT ONLINE: Herr Padoan, haben die angelsächsischen Ökonomen recht , wenn sie der deutschen Kanzlerin vorwerfen, sie verstünde die Krise nicht?

Pier Carlo Padoan: Ich glaube schon, dass Angela Merkel die Krise in ihrer Gesamtheit versteht. Die Ratschläge, die aus Deutschland kommen, sind richtig. Allerdings geht nach unserer Ansicht vieles zu langsam voran.

ZEIT ONLINE: Die Deutschen interpretieren die Krise vor allem als Schuldenkrise. Deshalb fordern sie von den Krisenstaaten einen harten Sparkurs und mehr Haushaltsdisziplin.

Padoan: Und zwar zu Recht. Eine Währungsunion kann nur funktionieren, wenn sich die Staaten zur fiskalischen Disziplin verpflichten. Das ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Die andere lautet: Europa braucht dringend mehr Wachstum . Wir erwarten, dass die Euro-Zone in diesem Jahr sehr nahe an die Rezession kommt. Wir sollten also nicht nur über einen Fiskalpakt nachdenken, sondern auch über einen Wachstumspakt. Beides ist notwendig.

ZEIT ONLINE: Manche Ökonomen fordern schon ein neues europäisches Konjunkturprogramm. Schließen Sie sich an?

Padoan: Falls sich der Zustand der Ökonomie verschlechtert, könnte der Kurs der geplanten Konsolidierung gelockert werden – allerdings nur, wenn das die Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen nicht gefährdet. Die Länder mit finanzpolitischem Spielraum – darunter auch Deutschland – sollten diesen dann auch voll nutzen.

ZEIT ONLINE: In Deutschland sinkt im Moment die Begeisterung, dem Rest Europas auf die Beine zu helfen.

Padoan: Ich verfolge die Debatte in ihrem Land und wundere mich manchmal. Ich würde es zum Beispiel nicht so formulieren, dass Deutschland für Griechenland zahlt.

ZEIT ONLINE: De facto kann das bald passieren.

Padoan: Ja. Aber man kann es auch anders sehen. Beide Rettungsfonds – sowohl ESM als auch EFSF – werden die Euro-Zone stabiler machen. Sie werden auch nach der Krise fortbestehen. Deutschland investiert also in ein europäisches Instrument, das die Währungsunion stabilisiert. Brauchen wir dieses Instrument? Ja. Ist der Erhalt der Währungsunion im deutschen Interesse? Ebenfalls ja. Deshalb ist es zu kurz gegriffen, einfach zu sagen, Deutschland zahle für Griechenland.