Dass er das zulässt, haben die Ehinger im vergangenen Jahr geraunt, dass er sich nicht wehrt. Der Ulmer Drogerieunternehmer Erwin Müller, einer der ärgsten Konkurrenten von Schlecker, eröffnete 2010 mitten in der Marktstraße eine Prachtfiliale, die seitdem aussieht, als würde jeden Tag der Fensterputzer bestellt. Zweihundert Meter die Fußgängerzone hinunter steht schon viel länger der Gegenentwurf dieses glitzernden Filialtempels. Die Schaufensterscheiben eines Gründerzeithauses sind mit Papier abgeklebt, ein Schild preist freie Flächen zur Vermietung an. "Das war einmal das erste Ehinger Geschäftshaus mit einer Rolltreppe", seufzt Johann Krieger, von 1986 bis zu seiner Pensionierung 2010 Oberbürgermeister der Stadt. Es gibt noch eine Besonderheit. In diesem verlassenen Gebäude erlernte Anton Schlecker von seinem Vater einst den Beruf des Metzgers.

Es gehört zu den ungelösten Rätseln von Ehingen, weshalb Anton Schlecker die Bewahrung des Urfamiliengeschäftssitzes egal ist. Mit etwas Vorstellungskraft ließen sich Rückschlüsse auf ein schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis konstruieren. Die einfachste Erklärung dagegen ist, dass Anton Schlecker Sentimentalitäten verhasst sind. Dafür jedenfalls lassen sich in Ehingen mancherlei Indizien finden.

In zehn Minuten ist die hübsche Innenstadt mit ihren pittoresken Fachwerkbauten durchschritten. Doch das Auge kann auch die hintersten Gassen und Winkel absuchen, nirgends steht eine Bronzebüste mit dem Abbild des großen Sohnes der Stadt, nicht einmal eine gravierte Tafel. Es gibt keine Schleckerstraße und keinen Schleckerplatz. Ex-Oberbürgermeister Krieger bemerkt trocken: "Bei uns war es immer so, dass keine Straßen nach Menschen benannt werden, die noch leben." 


Ausfall für die Gemeinde verkraftbar

Angesichts so strenger Regeln deutet nichts darauf hin, dass der inzwischen 67-jährige Firmenpatriarch bald zu öffentlichen Ehren kommt. Anton Schlecker soll kämpferisch gestimmt sein, auch wenn der Insolvenzverwalter durch seine Bücher stöbert. Das jedenfalls berichtet Reinhold Freudenreich, noch bis vor wenigen Jahren Einzelprokurist und engster Vertrauter Anton Schleckers in der Hochhauszentrale, die alle Einheimischen den "Glaspalast" nennen. "Man telefoniert gelegentlich", sagt Freudenreich. Anton Schlecker habe "zu keinem Zeitpunkt resigniert". Weiterhin fahre er jeden Tag frühmorgens ins Büro, um seine Kinder Maike und Lars zu unterstützen. Der inzwischen 85-jährige Freudenreich setzt hinzu: "Er ist ein Kämpfer. Ich persönlich bin der Meinung, er packt es."

Das will auch Johann Krieger gerne glauben, für seine Stadt und die geschätzten 700 Mitarbeiter, die in der Schlecker-Verwaltung, vor allem aber in den Auslieferungslagern in Ehingen arbeiten. Vor allem die Arbeitsplätze vieler Frauen, die bei Schlecker Gelegenheit hätten, in Teilzeit zu arbeiten, seien unersetzlich.

Für die Ehinger Stadtkasse wäre die Zerschlagung des Drogerieunternehmens zu verschmerzen. Schlecker zahlt aufgrund anhaltender Verluste schon seit Jahren keine Gewerbesteuer mehr, trotzdem beläuft sich der Haushaltsansatz fürs laufende Jahr, wie schon 2011, auf rund 40 Millionen Euro, vor allem wegen der glänzenden Geschäfte des Kranherstellers Liebherr sowie der örtlichen Papierfabrik des südafrikanischen Sappi-Konzerns – nicht schlecht für eine Stadt mit rund 25.000 Einwohnern.