Als Ulf-Peter Pestel endlich seine alte Kunststoffpresse auf Vordermann gebracht hatte und die ersten Aufträge eingegangen waren, als er bereit war für den Neuanfang als Unternehmer – da beschloss die Politik, die Währung auszuwechseln . Das neue Leben schien schon zu Ende. "Die Firmen aus den damaligen Ostblockstaaten konnten nicht in D-Mark zahlen", sagt Pestel. "Alle meine Aufträge waren futsch." Er musste wieder von vorn anfangen.

Das war im Sommer 1990, wenige Wochen vor der Wiedervereinigung. Pestel hatte sich in Chemnitz als einer der Ersten selbständig gemacht. In seinem alten Betrieb war der gelernte Werkzeugmacher den Kollegen mit seinen Verbesserungsvorschlägen immer wieder auf die Nerven gegangen. "Bis sie zu mir sagten: Wir sind hier für die Entwicklung zuständig, nicht Sie." Pestel kündigte und gründete seine eigene Firma.

Das Unternehmen überlebte die Einführung der D-Mark. Heute beschäftigt der Betrieb 50 Mitarbeiter und expandiert. Dem Unternehmen geht es gut – und mit ihm seiner Stadt. Eine Mischung aus Industriebetrieben, Dienstleistern und Forschungseinrichtungen beschert Chemnitz einen stabilen Arbeitsmarkt , selbst in der gegenwärtigen Euro-Krise .

So gesehen ist Chemnitz ein Spiegelbild Deutschlands. In Deutschland ist der Arbeitsmarkt ist im Jahr 2011 und Frühjahr 2012 überraschend stabil geblieben – anders als in den europäischen Nachbarländern. Chemnitz ist unter den Regionen, in denen die Arbeitslosigkeit 2011 besonders stark sank. Warum gerade Chemnitz?

Das industrielle Herz Sachsens

Industrie hat hier Tradition. Schon während der Industriellen Revolution brachten Textil- und Werkzeugmaschinenbau den Chemnitzern Wohlstand. Später, in den 1930er-Jahren entstand aus Audi , Horch und anderen Herstellern die Auto-Union. In der DDR war dann die damalige Karl-Marx-Stadt das industrielle Herz Sachsens .

Nach der Wiedervereinigung waren die ostdeutschen Fabriken ruiniert. Doch dann kamen die großen Autokonzerne und ihre Zulieferer zurück, kleine Firmen wurden gegründet, und für manchen Volkseigenen Betrieb (VEB) fand sich ein Investor. Große Konzerne wie Volkswagen und ThyssenKrupp haben sich angesiedelt, daneben ehemalige VEB wie die Union Werkzeugmaschinen GmbH oder Starrag Heckert.

Und auch kleine Firmen wie der Betrieb Pestels. Pestel Pur Kunststofftechnik stellt Teile aus Polyurethan her: Vorderfronten für medizinische Apparaturen und Spielautomaten, Verkleidungen für Erntemaschinen, Ummantelungen für Luxus-Badewannen. Keine Massenware, sondern Spezialanfertigungen, zum Teil selbst entwickelt. 

"Am Anfang wurde man im Westen gar nicht ernst genommen", sagt Pestel. Inzwischen habe sein Betrieb manche Konkurrenten überholt.