Das Wachstum der Mittelschicht hat aber nicht nur Vorteile. Den Preis für die Erfolgsgeschichte zahlt die Umwelt. Die Lebensbedingen von Millionen Menschen konnten nur verbessert werden durch den ungehemmten Verbrauch natürlicher Ressourcen, der einen hohen Druck auf die regulatorischen Prozesse unseres Planeten aufgebaut hat. Der bekannteste, wenn auch nicht der einzige Nebeneffekt unseres komfortablen Lebensstils ist wohl der Klimawandel.

Was wird passieren, wenn weitere zwei oder drei Milliarden Verbraucher nach mehr Big Macs, Audis und Kreuzfahrten in der Karibik verlangen? Falls das Wachstum der globalen Mittelschicht dem gleichen, für die Umwelt zerstörerischen Pfad folgt, den schon die Industrieländer gehen, besteht in der Tat Anlass zur Sorge.

Mit dem wachsenden Wohlstand in Entwicklungsländern, vor allem in China und Indien, wird sich das Gravitationszentrum der Weltwirtschaft in absehbarer Zeit nach Asien verlagern. Denn während die Bevölkerung Europas bis 2030 voraussichtlich schrumpft, wird die Mittelschicht Indiens Prognosen zufolge von 50 auf fast 600 Millionen Menschen anwachsen. Das sind mehr Menschen, als derzeit in der gesamten Europäischen Union leben!

Die neue Mittelschicht ist unberechenbar

Niemand weiß, welche Folgen das für Geopolitik und Global Governance haben wird. Schlüsse aus bisherigen Erfahrungen sollten wir nur mit Vorsicht ziehen. Zum einen sieht die globale Mittelschicht vollkommen anders aus als die Mittelschicht der Industrieländer, wie wir sie kennen. Ein typisches Mittelschichteinkommen in Deutschland zum Beispiel liegt bei etwa 16.000 Euro pro Person und Jahr. Unsere Definition der globalen Mittelschicht verwendet dagegen viel niedrigere Schwellenwerte, was zur Folge hat, dass ein Chinese oder Brasilianer schon mit einem Jahreseinkommen von 3.500 Euro zur Mittelschicht zählen kann. Zumindest im Moment besteht die globale Mittelschicht aus Menschen, die eben erst die Armutsgrenze überschritten haben.

Unser Wissen über die Welt ist äußerst einseitig. Was wir bisher als allgemeingültiges menschliches Verhalten betrachten, kann sich als bloßer Spleen einer kleinen, von der Norm abweichenden Gruppe erweisen: der westlichen Welt und speziell ihrer nördlichen Hälfte.

Wir wissen immer noch relativ wenig darüber, wie sich die neuen Mittelschichtkonsumenten verhalten. Werden sie zum Einkaufen lieber in Supermärkte gehen wie vor allem in Rio de Janeiro? Oder wollen sie weiterhin an Straßenständen einkaufen wie die Bewohner Pekings? Werden sie öffentlichen Verkehrsmitteln treu bleiben oder auf das Auto umsteigen?

Noch ungewisser ist die künftige politische und kulturelle Rolle der neuen Mittelschicht. Am Beispiel Chinas und Indiens wird deutlich, wie sich Einkommen in grundverschiedenen politischen Systemen und sozialen Institutionen einander angleichen können. Wird ein wohlhabendes China eher auf politische Reformen drängen, oder wird die wachsende Mittelschicht die Stabilität eines Einparteiensystems nur widerwillig aufgeben? Werden höhere Einkommen in Indien die traditionell wichtigen Familienbindungen und Wertvorstellungen stärken oder schwächen?

Es gibt keine Vorlagen für Antworten auf diese Fragen. Für die Entwicklungspolitik ist das eine unerwartete Herausforderung. Bislang ging es ihr in erster Linie darum, Armut zu bekämpfen. In einer sich wandelnden Welt könnte die neue Aufgabe darin bestehen, Wohlstand zu verwalten.