Vor wenigen Wochen gab sich Thorsten Heins noch optimistisch. Als der neue Vorstandschef des Handy-Herstellers Research in Motion (RIM) im kanadischen Waterloo zum ersten Mal vor die Journalisten trat, versicherte der deutsche Manager, es gebe keinerlei Grund für "seismische" Veränderungen. Alles, was der Konzern brauche, sei Kontinuität.

Mittlerweile klingt das ganz anders. "Der Eindruck, den ich nach zwei Tagen als CEO hatte, unterscheidet sich erheblich von dem, den ich nach zehn Wochen als CEO habe", sagt Heins jetzt. Der neue Chef des kanadischen Unternehmens wurde überraschend deutlich: "Mir ist jetzt klar, dass wir grundlegende Veränderungen brauchen." Wie ernst er es meinte, bekam auch das Management zu spüren. Ein Großteil der Führungsmannschaft, darunter der frühere Co-Vorstandschef Jim Balsillie, Geschäftsführer Jim Rowan und Technologiechef David Yach, musste gehen. Die schmerzhafte Phase, warnte Heins, sei noch nicht vorüber.

Die jüngsten Zahlen lassen dem neuen Konzernchef kaum eine Wahl. Der Umsatz des Blackberry-Herstellers ist im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent eingebrochen, statt eines Gewinns musste Heins einen Verlust von 125 Millionen Dollar vermelden – unter anderem wegen hoher Abschreibungen auf nicht verkaufte Geräte. Zum fünften Mal in Folge verfehlte RIM damit die eigenen Prognosen. Für Thorsten Heins ein Grund, für das kommende Quartal lieber ganz auf eine Vorhersage zu verzichten.

Während Konkurrenten wie Apple und Google mit ihren mobilen Betriebssystemen erfolgreich sind und zusammen inzwischen fast 80 Prozent des Marktes beherrschen, kämpft RIM seit Jahren gegen sinkende Marktanteile. In den USA hält der Konzern mittlerweile nur noch einen Marktanteil von 11,6 Prozent. Auch die Anleger haben angesichts dieser Zahlen die Hoffnung längst aufgegeben: Der Aktienkurs von RIM brach allein im vergangenen Jahr um 75 Prozent ein. Pannen wie der Totalausfall der Blackberry-Server im Oktober, bei dem Kunden über mehrere Tage nicht auf ihre Daten zugreifen konnten, haben dem Unternehmen zusätzlich geschadet.

Dabei sah es noch vor wenigen Jahren ganz anders aus. Als der Konzern Ende der Neunziger seine ersten Geräte auf den Markt brachte, revolutionierte er die Geschäftswelt. Erstmals konnten Manager auch von unterwegs auf ihre E-Mails zugreifen. Schon bald führte an den kleinen Taschencomputern aus Kanada kein Weg mehr vorbei. Der Hype um die Handys aus Kanada ging so weit, dass ihre Besitzer zu Junkies und der Blackberry zum Crackberry wurde.

Das habe das Unternehmen arrogant und träge gemacht, sagt der IT-Analyst Kevin Dede vom kalifornischen Investmentberater Brigantine Advisors. Die Kanadier seien von der Überlegenheit des eigenen Systems überzeugt gewesen. Als der Computerkonzern Apple 2007 sein iPhone vorstellte, lächelte der damalige RIM-Chef Mike Lazaridis die Gefahr weg. Niemals, hieß es, würden die Kunden ein Gerät mit so geringer Batterielaufzeit annehmen. Im kanadischen Waterloo setzte man unbeirrt weiterhin auf altbewährte und wenig aufregende Konstanten: Lange Laufzeiten, vollständige Tastatur und ein sicheres E-Mail- und Messaging-System.

Doch die Rechnung ging nicht auf. Bald zog das iPhone mit seinem riesigen Display, dem Touchscreen und der großen Zahl an Anwendungen an den drögen Bürohandys vorbei. Die Blackberry-Junkies gingen auf kalten Entzug, der Crackberry wurde abgelöst durch das "Jesus Phone".