Trotz der andauernden Finanz- und Wirtschaftskrise in Europa rechnen die führenden Forschungsinstitute für Deutschland mit einem leichten Anstieg des Wirtschaftswachstums. Die Ökonomen haben in ihrem Frühjahrsgutachten ihre Wachstumsprognose für 2012 von 0,8 auf 0,9 Prozent leicht erhöht.

Im nächsten Jahr trauen die Forscher der deutschen Wirtschaft ungeachtet der flauen Weltkonjunktur einen Zuwachs von 2 Prozent zu. Deutsche Unternehmen seien so wettbewerbsfähig wie noch nie in den vergangenen drei Jahrzehnten, teilten die Ökonomen bei der Vorstellung ihres Berichts für die Bundesregierung mit.

Durch das Wachstum hält auch der Boom am deutschen Arbeitsmarkt an. Die Zahl der Erwerbstätigen wird den Prognosen zufolge im laufenden Jahr um 470.000 steigen, im nächsten Jahr um weitere 325.000 auf fast 42 Millionen. Die Forscher erwarten, dass die Arbeitslosenzahl im Jahresschnitt 2012 auf 2,794 Millionen und 2013 auf 2,623 Millionen zurückgeht.

Die Arbeitnehmer können Dank des Wachstums auch mit steigenden Löhnen rechnen. Die Ökonomen sagen einen Anstieg der Effektivlöhne um mehr als drei Prozent voraus. Allerdings schwäche die Inflation diesen Lohnanstieg wieder ab: Sie werde bei 2,3 Prozent (2012) und 2,2 Prozent (2013) liegen.

Euro-Krise bleibt größtes Risiko

Die Wirtschaftsforscher warnten aber, die europäischen Staaten dürften ihren Kampf gegen die Finanz- und Schuldenkrise nicht abschwächen. Sie werteten "das derzeit zu beobachtende Erlahmen der Konsolidierungsanstrengungen kritisch". Eine Stabilisierung der Lage sei nur zu erreichen, "wenn die geplanten Reformen auch wirklich greifen und es zu keinem erneuten Vertrauensverlust an den Kapitalmärkten kommt".

Als größte Gefahr für die wirtschaftliche Erholung wird die angespannte Lage in den überschuldeten Euro-Ländern Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien bewertet. Vor allem in Italien, Irland und Spanien sei eine dauerhafte Stabilisierung nur möglich, wenn die geplanten Reformen tatsächlich griffen und es nicht zu neuen Vertrauensverlusten an den Finanzmärkten komme. Deutschland werde dagegen von den Investoren als sicherer Hafen und attraktiver Investitionsort betrachtet.

Kritik an der EZB-Politik

Als Problem nannten die Institute die ungeklärte Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB). "Bislang haben sich die Beteiligten offenbar darauf verlassen, dass die EZB im Notfall einspringt." Sollte sich die spanische Bankenkrise zuspitzen, sei das weitere Vorgehen unklar. Die nahezu unbegrenzten Finanzspritzen der EZB für die Bankenwelt seien kein Wundermittel: "Dies hat zu massiven Verwerfungen und damit volkswirtschaftlichen Kosten an anderer Stelle geführt."

Die Stärke der deutschen Wirtschaft hilft den Forschern zufolge auch bei der Sanierung der Staatsfinanzen. Das Budgetdefizit des Staates soll bis 2013 auf 0,2 Prozent sinken. Die Institute warnen Union und FDP aber vor einem nachlassenden Willen zum Sparen, den sie derzeit bei der Bundesregierung beobachten. "Die Verbesserung des Budgetsaldos im kommenden Jahr ist ausschließlich der erwarteten konjunkturellen Belebung zu verdanken."

Die Ökonomen kritisierten etwa, dass die Regierung, statt zu sparen, über weitere Ausgaben wie das Betreuungsgeld und die Zuschussrente für Geringverdiener debattiere. Zudem wolle die Regierung ihren Bundeshaushalt 2013 zum Teil durch Geld aus den Sozialversicherungen finanzieren.