Ohne einen Schuldenschnitt auch in Spanien und Portugal ist nach Auffassung des französischen Wirtschaftsexperten Philippe Aghion die Euro-Krise nicht zu bewältigen. Das sagte der Berater des französischen Präsidenten François Hollande in einem Interview mit der ZEIT. Am Abend wollen die EU-Staats- und Regierungschefs bei einem Sondergipfel in Brüssel über die Zukunft der Währungsunion beraten.

Auch für Griechenlands Gläubiger werde ein weiterer Verzicht auf ihre Forderungen nötig: "Ich sehe nicht, wie Griechenland , Spanien und Portugal ohne einen Haircut jemals wieder richtig wachsen können."

Zudem plädiert Aghion für ein stärkeres Engagement der Europäischen Zentralbank im Finanzsektor. "Die Banken im Süden Europas werden weitere Hilfe von der Europäischen Zentralbank und dem Stabilitätsfonds benötigen", sagte der Ökonomieprofessor, der an Harvard Universität lehrt.

Ökonom hält höhere Inflationsrate für nötig

Zugleich forderte der Aghion eine Reform des geplanten Fiskalpaktes: "Falls das Wachstum in diesem Jahr viel niedriger ist als erwartet, brauchen wir mehr Flexibilität im Pakt – um die strukturellen Reformen anzugehen." Er appellierte an Bundeskanzlerin Angela Merkel , dies Frankreich und anderen Ländern zuzugestehen.

Der Ökonom hält außerdem eine höhere Inflationsrate für nötig: "Für die Euro-Zone wären zwei Prozent gut, in Deutschland müsste die Teuerungsrate also etwas höher liegen", sagte er. In Deutschland gehe es konkret um "drei bis vier Prozent". So würde der Wirtschaft in anderen EU-Ländern die Möglichkeit gegeben, wieder zu atmen.

Vor Beginn des EU-Sondergipfels in Brüssel erneuerte Frankreichs Präsident Hollande seine Forderung nach Euro-Bonds . Es gehe darum, dass alle Länder der Euro-Zone zu günstigsten Konditionen Zugang zu Kapital erhielten, sagte Hollande nach einer Unterredung mit dem spanischen Regierungschef Mariano Rajoy in Paris . Er wolle alles dafür tun, dass das hoch verschuldete Griechenland Teil des Euro-Raums bleibe, sagte Hollande. Er würde auch eventuell zweifelnde andere Europäer von der Notwendigkeit dafür zu überzeugen versuchen.

"Alle Ideen für Wachstum auf den Tisch"

Hollande warnte zugleich vor überzogenen Erwartungen an das Treffen in Brüssel. Beschlüsse seien bei dem "rein informellen Treffen" der EU-Staats- und Regierungschefs nicht zu erwarten. "Es geht darum, alle Ideen für das Wachstum auf den Tisch zu legen", sagte Hollande. Europa habe in der Vergangenheit zu langsam auf Herausforderungen reagiert und müsse wieder auf Kurs gebracht werden. "Darüber wollen wir heute Abend reden", sagte der Präsident.

Die Bundesregierung lehnt gemeinsame Anleihen von Euro-Ländern zur Finanzierung von Staatshaushalten in der derzeitigen Situation ab. Sie befürchtet, der Spardruck auf hoch verschuldete Länder könnte sinken und Deutschland müsste mit höheren Zinsen rechnen. Mit gemeinsamen Euro-Bonds können sich Krisenländer zu günstigeren Zinsen am Kapitalmarkt Geld besorgen. Deutschland müsste dann höhere Kosten zahlen und für Schulden anderer Staaten haften.