Ein Jahr ist seit dem eiligen Atomausstieg der Bundesregierung   vergangen. Von der damaligen Euphorie über die mutige Entscheidung zur Energiewende ist in der Bundesregierung wenig geblieben. Die Umsetzung ist zäh: Bund und Länder streiten um Kompetenzen, Unternehmen zögern zu investieren, Verbraucher und Industrie fürchten höhere Strompreise. Eine volle Tagesordnung, über die Bundeskanzlerin Merkel heute mit den Ministerpräsidenten beraten will.

Zugleich wird das Spitzentreffen ein Crashkurs in Energiepolitik für den neuen, thematisch unerfahrenen Bundesumweltminister Peter Altmaier ( CDU ). Drei Beispiele zeigen, wie kompliziert die Interessenslage und wie nötig ein Neuauftakt ist.

Netzausbau

Der Stromnetzausbau ist das Nadelöhr der Energiewende. Was bringen Tausende Megawattstunden Windstrom von der Nordsee, wenn sie nicht bei den Verbrauchern im Süden ankommen. Anfang des Monats zog die Bundesnetzagentur, eine Art Leitwarte der Energiewende, eine erste Bilanz. Von den 24 Stromtrassen, die laut Energieleitungsausbaugesetz Top-Priorität haben, sind mehr als Hälfte im Verzug .

Teilweise hinken die Projekte bis zu fünf Jahre hinter dem Zeitplan hinterher, aus unterschiedlichsten Gründen: von Bürgerprotesten über Gerangel zwischen Behörden und Ländern bis zu langwierigen Genehmigungsverfahren. Allein an Land sind bislang nur 214 Kilometer Stromleitung gebaut – eigentlich sollen es 1.834 sein. Auch auf See verzögert sich der Anschluss der Windparks , weil Haftungsfragen ungeklärt sind. Den schleppenden Netzausbau nennt Behördenchef Jochen Homann "besorgniserregend".

Noch immer ist unklar, wie viele neue Stromleitungen Deutschland eigentlich insgesamt benötigt, damit es seine Klimaschutzziele erreichen kann. Anfang Juni wollen die Übertragungsnetzbetreiber den ersten Entwurf eines Netzentwicklungsplans vorlegen und die Zahl der Kilometer konkretisieren. Das Problem liegt auf der Hand: Solange niemand genau sagen kann, welche Kraftwerkskapazitäten wo in Deutschland in den kommenden Jahren ans Netz gehen werden, ist auch unklar, wie viele neue Leitungen wo gebraucht werden. Am Ende muss die Bundesnetzagentur über verschiedene Szenarien entscheiden.

Hinzu kommen die unterschiedlichen Interessen der Ministerpräsidenten aus Nord und Süd. Gerade die norddeutschen Bundesländer erhoffen sich vom Ausbau der Windenergie an Land und auf See große wirtschaftliche Chancen. Doch der Windstrom muss gen Süden zu den Verbrauchern transportiert werden.

Die südlichen Bundesländer haben inzwischen ebenfalls ambitionierte Ausbaupläne. Rheinland-Pfalz will sich zumindest auf dem Papier bis 2030 komplett mit Ökostrom versorgen. Bayern will bereits in zehn Jahren die Hälfte seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energien decken.

Aber ist es sinnvoll, dass sich die Länder mit ehrgeizigen Ökostromzielen gegenseitig übertrumpfen, dass jedes Bundesland energieautark werden will? Sollten nicht manche Bundesländer ihre Ambitionen zurückschrauben und sich vielleicht lieber auf den Bau von Stromspeichern konzentrieren? Einen Kompromiss zu finden, wird kein einfaches Unterfangen. Erst recht wenn es darum geht, weitere Kompetenzen an die Bundesregierung abzugeben, um das Tempo des Netzausbaus zu beschleunigen.