Am deutschen Föderalismus könnte Rainer Joswig, Geschäftsführer des Stromnetzbetreibers TransnetBW, oft verzweifeln. Vor allem, wenn es um Stromtrassen geht, die durch mehrere Bundesländer laufen. In einem Land erfolgt die Genehmigung in wenigen Monaten – andere wiederum brauchen Jahre.

Hat er die Genehmigung in einem Bundesland in der Tasche, dann fängt Joswig in der Regel im nächsten Bundesland wieder bei null an. Jede Kommune, jeder Landkreis hat andere Vorstellungen, welche Unterlagen Joswig einreichen muss. "Es gibt noch Harmonisierungspotenzial", sagt er diplomatisch. "Warum führt man nicht einen Wettbewerb ein, welches Bundesland besonders effizient plant, und daran müssen sich die anderen Länder orientieren?"

Die Energiewende ist eine Herausforderung für den Föderalismus in Deutschland. Das wird immer deutlicher, je konkreter die Ausbauvorhaben werden, egal, ob es um Solar- und Windparks oder Stromleitungen geht. 16 unterschiedliche Länderinteressen müssen abgestimmt werden – und das passiert bislang kaum.

Die norddeutschen Bundesländer (siehe Grafik) setzen etwa auf den Ausbau der Offshore-Windindustrie. Sie hoffen, von der Montage und Wartung der Windgiganten auf hoher See zu profitieren. Egal, ob Emden in  Niedersachsen oder Husum in Schleswig-Holstein : Jedes Hafenstädtchen möchte sich als Logistikstandort etablieren.

Nord gegen Süd, Ost gegen West

Zugleich will der Norden die Windenergie an Land stark ausbauen. Der Strom muss aber zu den Verbrauchern im Süden. Das verlangt neue Trassen, von denen klassische Transitländer wie Thüringen oder Brandenburg kaum begeistert sind.

Anders sind die Interessen im Süden. Das sonnenverwöhnte Bayern setzt etwa auf dezentrale Solarenergie – und will so den Ausbau des Stromnetzes begrenzen. Zudem muss das Land mittelfristig drei Atomkraftwerke ersetzen und drängt daher auf den Bau neuer Gaskraftwerke, der sich zurzeit aber nicht lohnt.

Die Landesregierungen ostdeutscher Bundesländer wollen wiederum ihre im Solar Valley beheimateten Solarfirmen vor Kürzungen der Förderung schützen. Von der Braunkohle mögen sie traditionell nicht lassen, zu viele Arbeitsplätze hängen daran. Das wiederum verbindet etwa Brandenburg mit Nordrhein-Westfalen , wo der rot-grünen Landesregierung der Abschied von Kohlekraftwerken ebenfalls schwer fällt.

Und so legt jedes Bundesland ein anderes Energiekonzept vor – komplett unabhängig von den Plänen der Bundesregierung . Die Ziele, Zeiträume und das Engagement unterscheiden sich teilweise immens.

Rheinland-Pfalz will sich 2030 komplett mit Ökostrom selbst versorgen, auch wenn Fachleute diesen Drang nach Energieautarkie in einem europäischen Binnenmarkt für Unsinn halten. Sachsen spricht dagegen von 20 Prozent Ökostromanteil in 2020 und setzt sich vor allem für stabile Strompreise ein.

"Die Energiewende darf nicht am Föderalismus scheitern", warnte kürzlich Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen ( CDU ). Die Infografik zeigt, dass diese Gefahr noch nicht gebannt ist.