Iraklis P., 65, hat es eilig. Rund 400.000 Euro hat er auf einem Sparkonto der National Bank of Greece, Griechenlands größter Geschäftsbank, liegen. Während eines langen Arbeitslebens hat er das Geld auf die hohe Kante gelegt. Die Zinserträge seien stets ordentlich in der Steuererklärung deklariert worden, beteuert er. Doch jetzt will er das sauer Ersparte schnellstens außer Landes bringen. "Auf jeden Fall vor den Neuwahlen am 17. Juni. In die Schweiz oder nach Zypern . Das kläre ich in diesen Tagen", sagt der Agronom aus der nordostgriechischen Stadt Drama.

Iraklis P. ist kein Einzelfall. In Griechenland hat die Angst vor einem Kollaps des einheimischen Finanzsystems rapide zugenommen. Dafür gibt es gute Gründe: Die Regierungsbildung nach den vorgezogenen Wahlen am 6. Mai scheiterte – Mitte Juni soll erneut gewählt werden. In den Umfragen liegt die radikale Linke vorn. Deren Chef Alexis Tsipras lehnt die von der Troika aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Union und Europäischer Zentralbank verordnete Sparpolitik ab. Die EU wiederum pocht auf die Fortsetzung des bisherigen Reformkurses.

Rund 72 Milliarden Euro abgehoben

Angesichts dessen wird immer öfter ein möglicher Austritt Griechenlands aus der Währungsunion diskutiert. Experten der 17 Euro-Staaten prüfen bereits die Folgen für die restliche Währungsunion. Die Deutsche Bank schlägt unterdessen die Einführung einer stark abgewerteten Parallelwährung in Griechenland vor. Mit ihr solle der inländische Zahlungsverkehr abgewickelt werden. Den Namen für die Parallelwährung hat das Geldinstitut auch schon parat: Geuro .

Fest steht: Bereits seit Ausbruch der Schuldenkrise heben die Griechen große Summen ab und nehmen das Geld mit nach Hause oder überweisen Erspartes auf ausländische Konten. Sie fürchten einen starken Wertverlust nach einer möglichen Rückkehr zur Drachme. Allein am Tag nach den Wahlen am 6. Mai sollen die Hellenen fast eine Milliarde Euro abgehoben haben.

Schon seit geraumer Zeit wird mit einem regelrechten Ansturm auf die griechischen Banken gerechnet. Von einem klassischen Bankrun mit langen Schlangen vor den Kassenschaltern ist in ganz Griechenland hingegen noch nichts zu sehen. Im Zeitalter des E-Banking muss man auch nicht mehr vor den Schaltern anstehen. Der Bank-Run hat schon längst begonnen – unsichtbar. Ein Blick in die Statistiken von Griechenlands Zentralbank zerstreut jegliche Zweifel. Demnach sind die Einlagen der Geschäftsbanken seit Ende 2009 von 237,5 Milliarden Euro auf 165 Milliarden per Ende März zusammengeschmolzen – ein Rückgang von einem Drittel.