"Manche Länder müssen ihr Wirtschaftsmodell komplett ändern" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Die Jugendarbeitslosigkeit ist durch die Wirtschaftskrise in Europa stark gestiegen. Besonders hoch ist sie in Ländern wie Spanien , in denen auch früher viele Jugendliche keinen Job fanden. Ist wirklich nur die Krise schuld an der Misere?

Glenda Quintini: Die Rezession hat die Situation verschlechtert. In Spanien war die Arbeitslosenrate für Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren zuvor lange gefallen. Zuletzt lag sie bei rund 20 Prozent, und wir waren ganz zuversichtlich für die Zukunft. Doch heute ist fast die Hälfte der jungen Leute in Spanien arbeitslos. In Frankreich sieht es ähnlich aus, wenngleich der Anstieg durch die Krise nicht so hoch ausfiel. Auch in Griechenland , Italien , Großbritannien und den USA ist die Lage ernst.

ZEIT ONLINE: Was kann ein Land leichter verkraften: eine hohe Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen oder eine hohe Arbeitslosigkeit insgesamt?

Quintini: Wenn Erwachsene arbeitslos werden, die eine ganze Familie ernähren, sind die sozialen Folgen häufig gravierender. Junge Menschen werden dagegen oft noch von ihren Eltern unterstützt.

Andererseits: Die Jugendarbeitslosigkeit trifft Absolventen ohne Berufserfahrung. Sind sie lange arbeitslos, ist die Gefahr groß, dass sie auch später keinen Job finden und dauerhaft vom Sozialsystem abhängig werden. Das kann eine Gesellschaft auf Jahre hinaus belasten. Auch die Investitionen in ihre Ausbildung wären verloren, zumindest teilweise. Möglicherweise brauchen sie später Fortbildungen. Sobald die Wirtschaft wieder anspringt, ist es aus Sicht der Unternehmen einfacher, Nachwuchs aus der nächsten Absolventengeneration einzustellen.

ZEIT ONLINE: Der Generaldirektor der Internationalen Arbeitsagentur ILO , Juan Somavia , fürchtet eine weltweite Krise des Arbeitsmarktes, die zehn Jahre lang andauern könnte.

© ZEIT ONLINE

Quintini: Das scheint mir zu lang. Aber die Lage wird sich nicht so schnell bessern. Im kommenden Jahr stabilisieren sich die Arbeitslosenraten vermutlich. Dann steigen sie zwar nicht mehr, aber es wird eine Weile dauern, bis sie wieder auf das Vorkrisenniveau sinken.

ZEIT ONLINE: Das klingt nicht sehr hoffnungsvoll.

Quintini: Es wird dauern. Manche Länder müssen vielleicht ihr komplettes Wirtschaftsmodell ändern. In Spanien beispielsweise gingen viele Stellen im Bausektor verloren. Befristete Verträge wurden nicht mehr verlängert. Das waren Jobs, die überdurchschnittlich häufig Jugendliche und junge Erwachsene innehatten. Wenn die Konjunktur in Spanien wieder anspringt, wird man sehen müssen, ob die Baubranche wieder eine solche Schlüsselrolle spielen kann.

 Zu viele junge Leute ohne Schulabschluss

ZEIT ONLINE: Was sind – neben der Krise – die strukturellen Ursachen der hohen Jugendarbeitslosigkeit?

Quintini: In vielen Ländern ist der Anteil von jungen Leuten ohne weiterführenden Schulabschluss hoch. In Spanien liegt er bei 35 Prozent der 20- bis 25-Jährigen. In Italien sind es 20 Prozent, in Frankreich und sogar Dänemark um die 15 Prozent. Wer mit 15 oder 16 Jahren die Schule ohne Abschluss verlässt, wird nur schwer Arbeit finden. Hinzu kommt, dass viele Länder – im Gegensatz zu Deutschland – kein gutes Berufsausbildungssystem haben. Eine berufliche Ausbildung gilt dort als etwas für die Übriggebliebenen, die es anderswo nicht schaffen.

Zudem gibt es in Spanien und Griechenland , zum Beispiel, keine fordernde Arbeitsmarktpolitik , anders als in Ländern wie Großbritannien und Australien . Junge Arbeitslose werden dort sofort in ein Trainingsprogramm aufgenommen. Man hilft ihnen bei der Stellensuche, der Staat subventioniert Jobs, die für sie infrage kommen. Man bringt ihnen Fähigkeiten bei, die sie brauchen. Je länger sie arbeitslos sind, desto mehr Unterstützung erhalten sie. In Spanien und Griechenland ist diese aktivierende Politik sehr schwach ausgeprägt.

ZEIT ONLINE: Sie kritisieren, die Politik lege zu wenig Wert auf ein gutes Bildungssystem . Dabei finden auch viele gut Ausgebildete keinen Job.

Quintini: Die Arbeitslosigkeit ist unter niedrig Qualifizierten immer noch höher. Aber es stimmt, sogar Akademiker haben Schwierigkeiten. Manche nehmen Stellen an, für die sie eigentlich überqualifiziert sind, oder sie arbeiten in einem Berufsfeld, das nichts mit ihrem Fachgebiet zu tun hat. Das kann daran liegen, dass sie ihr Studienfach nicht unbedingt nach Berufschancen ausgewählt haben. Zugleich lässt sich aber schwer voraussagen, wie viele Ärzte oder Ingenieure eine Volkswirtschaft in Zukunft braucht. In Frankreich gibt es mehr Psychologen, als der Arbeitsmarkt aufnehmen kann. In Italien sind es zu viele Architekten, in Griechenland zu viele Juristen.

ZEIT ONLINE: Was kann man gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit tun?

Quintini: Das Bildungssystem reformieren. Die jungen Leute sollten die Schule mit einem Abschluss verlassen. Zudem muss die berufliche Bildung besser werden. Gut ist auch, die frühkindliche Erziehung zu stärken, vor allem für Kinder aus problematischen Verhältnissen oder mit Sprachschwierigkeiten. Das sind Investitionen, die sich sehr lohnen, sofern man diese Kinder auch in der Schule weiter unterstützt.

ZEIT ONLINE: Neben der Bildungspolitik ist aber auch die Arbeitsmarktpolitik gefragt...

Quintini: In Ländern wie Spanien sind die befristet angestellten Arbeitnehmer viel schlechter vor Arbeitslosigkeit geschützt als die Angestellten mit unbefristeten Verträgen. Das muss man ändern, indem man den Kündigungsschutz angleicht. Am radikalsten wäre, nur noch eine Art von Arbeitsvertrag zuzulassen. Zugleich muss man den Arbeitgebern aber zugestehen, dass es schwierig sein kann, die Qualitäten von jungen, relativ unerfahrenen Arbeitnehmern vorab einzuschätzen. Dafür brauchen sie Zeit – aber nicht unbedingt in Form von befristeten Arbeitsverhältnissen. Eine längere Probezeit könnte da helfen.

ZEIT ONLINE: Gehen nicht gerade in Spanien die Reformen eher in eine andere Richtung?

 "Die Arbeitskosten müssten sinken"

Quintini: Die Politik in Spanien versucht seit Längerem, die Zahl der Zeitverträge zu senken. Bisher hatte sie nur begrenzten Erfolg. Aber das Problem ist erkannt. In Spanien, Italien und Frankreich wird schon lange über einheitliche Arbeitsverträge diskutiert.

ZEIT ONLINE: Was muss noch passieren?

Quintini: Die Arbeitskosten müssten sinken. Entweder durch staatliche Subventionen für Unternehmen, die junge Arbeitnehmer einstellen. Oder indem man den Firmen die Möglichkeit gibt, jungen Leuten, die für ihren Job noch geschult werden müssen, Löhne unterhalb der geltenden Mindestlohngrenzen zu zahlen.

ZEIT ONLINE: Niedrigstlöhne schaffen Arbeitsplätze?

Quintini: Wenn man den Mindestlohn als Instrument im Kampf gegen die Armut betrachtet, könnte man argumentieren, dass jungen Leuten, die noch keine eigene Familie ernähren müssen, ein Sub-Mindestlohn gezahlt werden darf. Dennoch muss man natürlich sehr aufpassen. Ein Niedrigstlohn dürfte nur an junge Arbeitnehmer mit sehr schlechten Qualifikationen gezahlt werden.

Weder Subventionen noch Sub-Mindestlöhne sind perfekt. Aber wir müssen anerkennen, dass Arbeitgeber beträchtliche Anstrengungen unternehmen müssen, um schlecht qualifizierte junge Leute zu schulen – und das könnte ein Grund sein, sie nicht zum üblichen Lohn einzustellen.