ZEIT ONLINE: Was sind – neben der Krise – die strukturellen Ursachen der hohen Jugendarbeitslosigkeit?

Quintini: In vielen Ländern ist der Anteil von jungen Leuten ohne weiterführenden Schulabschluss hoch. In Spanien liegt er bei 35 Prozent der 20- bis 25-Jährigen. In Italien sind es 20 Prozent, in Frankreich und sogar Dänemark um die 15 Prozent. Wer mit 15 oder 16 Jahren die Schule ohne Abschluss verlässt, wird nur schwer Arbeit finden. Hinzu kommt, dass viele Länder – im Gegensatz zu Deutschland – kein gutes Berufsausbildungssystem haben. Eine berufliche Ausbildung gilt dort als etwas für die Übriggebliebenen, die es anderswo nicht schaffen.

Zudem gibt es in Spanien und Griechenland , zum Beispiel, keine fordernde Arbeitsmarktpolitik , anders als in Ländern wie Großbritannien und Australien . Junge Arbeitslose werden dort sofort in ein Trainingsprogramm aufgenommen. Man hilft ihnen bei der Stellensuche, der Staat subventioniert Jobs, die für sie infrage kommen. Man bringt ihnen Fähigkeiten bei, die sie brauchen. Je länger sie arbeitslos sind, desto mehr Unterstützung erhalten sie. In Spanien und Griechenland ist diese aktivierende Politik sehr schwach ausgeprägt.

ZEIT ONLINE: Sie kritisieren, die Politik lege zu wenig Wert auf ein gutes Bildungssystem . Dabei finden auch viele gut Ausgebildete keinen Job.

Quintini: Die Arbeitslosigkeit ist unter niedrig Qualifizierten immer noch höher. Aber es stimmt, sogar Akademiker haben Schwierigkeiten. Manche nehmen Stellen an, für die sie eigentlich überqualifiziert sind, oder sie arbeiten in einem Berufsfeld, das nichts mit ihrem Fachgebiet zu tun hat. Das kann daran liegen, dass sie ihr Studienfach nicht unbedingt nach Berufschancen ausgewählt haben. Zugleich lässt sich aber schwer voraussagen, wie viele Ärzte oder Ingenieure eine Volkswirtschaft in Zukunft braucht. In Frankreich gibt es mehr Psychologen, als der Arbeitsmarkt aufnehmen kann. In Italien sind es zu viele Architekten, in Griechenland zu viele Juristen.

ZEIT ONLINE: Was kann man gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit tun?

Quintini: Das Bildungssystem reformieren. Die jungen Leute sollten die Schule mit einem Abschluss verlassen. Zudem muss die berufliche Bildung besser werden. Gut ist auch, die frühkindliche Erziehung zu stärken, vor allem für Kinder aus problematischen Verhältnissen oder mit Sprachschwierigkeiten. Das sind Investitionen, die sich sehr lohnen, sofern man diese Kinder auch in der Schule weiter unterstützt.

ZEIT ONLINE: Neben der Bildungspolitik ist aber auch die Arbeitsmarktpolitik gefragt...

Quintini: In Ländern wie Spanien sind die befristet angestellten Arbeitnehmer viel schlechter vor Arbeitslosigkeit geschützt als die Angestellten mit unbefristeten Verträgen. Das muss man ändern, indem man den Kündigungsschutz angleicht. Am radikalsten wäre, nur noch eine Art von Arbeitsvertrag zuzulassen. Zugleich muss man den Arbeitgebern aber zugestehen, dass es schwierig sein kann, die Qualitäten von jungen, relativ unerfahrenen Arbeitnehmern vorab einzuschätzen. Dafür brauchen sie Zeit – aber nicht unbedingt in Form von befristeten Arbeitsverhältnissen. Eine längere Probezeit könnte da helfen.

ZEIT ONLINE: Gehen nicht gerade in Spanien die Reformen eher in eine andere Richtung?