Der Name Thilo Sarrazin hat sie wieder angelockt. Diesmal stehen die Demonstranten vor dem Hotel Adlon am Brandenburger Tor. Zwar sind es deutlich weniger als am Sonntagabend, anlässlich von Sarrazins Auftritt bei Günther Jauch . Aber ihre Empörung ist genauso groß, und ihre Vorwürfe gegen den ehemaligen Bundesbanker haben seit dem Wochenende nicht nachgelassen. Auf einem großen Spruchband bezichtigen sie Sarrazin wieder indirekt des Rassismus.

Sie können sein Buch Europa braucht den Euro nicht noch gar nicht gelesen haben, denn es wird erst jetzt, drinnen im Hotel, der Öffentlichkeit vorgestellt. Dennoch ist die Aufregung über Sarrazins Thesen seit Tagen groß. Am meisten empört man sich über den vorab veröffentlichten Satz, die deutschen Befürworter von Euro-Bonds seien "getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben".

Da ist es wieder, das H-Wort, auf das wie ein Reflex die öffentliche Empörung folgt. Der Effekt ist kalkuliert: gezielte PR, um den Verkauf zu fördern. Leider verstellt die Entrüstung über Sarrazins Provokationen – so anstößig diese auch sind – den Blick auf die ökonomischen Thesen, die er in seinem Buch vertritt. Die aber sind zu weiten Teilen ebenso fragwürdig.

Viele Zahlen, falsche Schlüsse

Zwar nennt Stefan Homburg, Finanzwissenschaftler der Universität Hannover , Europa braucht den Euro nicht ein "aufklärerisches Buch". Es komme ohne übertriebene Thesen aus und enthalte keine Stelle, "wo ich sagen würde: Das ist falsch". Doch man muss Homburg widersprechen. Thilo Sarrazin operiert in seinem neuen Buch – wie in seinem letzten umstrittenen Werk Deutschland schafft sich ab – wieder mit vielen Zahlen und Tabellen. Daraus zieht er aber falsche Schlüsse oder konstruiert irreführende Zusammenhänge.

Nur zwei Beispiele. Eine zentrale These Sarrazins ist, dass Deutschland vom Euro nicht profitiert habe. Als Beleg führt er an, der Anteil der deutschen Exporte in die Euro-Länder sei seit der Einführung der Gemeinschaftswährung gesunken, die Ausfuhren in die restliche Welt aber gestiegen. Die Zahlen mögen richtig sein – doch sie sind eben kein Beleg für den schlechten Euro, sondern haben ihre Ursache in der kräftig gestiegenen Nachfrage vor allem in Asien , und dort in erster Linie in China . Sie würde auf die deutsche Wirtschaft wirken, auch wenn es den Euro nicht gäbe.

Auf der Pressekonferenz zur Vorstellung seines Buchs vergleicht Sarrazin die wirtschaftliche Entwicklung Großbritanniens und der Türkei , die stärker gewachsen sind, mit denen südlicher Euro-Länder. Er suggeriert, das schwächere Wachstum der Südeuropäer läge am Euro; den anderen gehe es wegen der eigenen Währung besser. Damit stellt er den Politikern in Griechenland gar einen Persilschein aus. Schuld an der Krise dort – so müsste man Sarrazins Argumente zu Ende denken – wäre nicht eine verfehlte Wirtschafts- und Industriepolitik, sondern schlicht der Euro. Welch ein Unsinn.

Gleichwohl vertritt Sarrazin auch richtige Thesen. Aus heutiger Sicht war es sicherlich falsch, Griechenland in die Euro-Zone aufzunehmen. Eine Währungsunion benötigt eine gemeinsame Fiskalpolitik, die es in Euro-Land bislang nicht gibt. Die No-Bailout-Klausel, also die Regel, dass Euro-Länder nicht für die Schulden anderer Mitglieder der Währungsunion haften dürfen, war richtig; der Verstoß gegen sie mag der Kardinalfehler der Rettungspolitik gewesen sein. Nur: Damit sagt der Ex-Bundesbanker überhaupt nichts Neues. Schon die Euro-Gegner Joachim Starbatty und Wilhelm Hankel oder auch der gern mit Sarrazin verglichene Hans-Olaf Henkel haben die vor und seit der Euro-Einführung begangenen Fehler in aller Ausführlichkeit ausgebreitet.

Keine Lösung, nur Fatalismus

Sarrazin geht über eine rückblickende Problembeschreibung nicht hinaus. Darauf weist auch Stefan Homburg hin: Das Werk sei "kein Kochbuch für Euro-Politiker", sie zeige keinen Ausweg auf. Was der Uni-Professor aus Hannover offensichtlich nicht weiter schlimm findet, ist aber die große Krux. Sarrazin wirft Bundeskanzlerin Merkel falsches Pathos vor und macht das an dem von ihr wiederholt vorgetragenen Satz "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa " fest. Doch er selbst setzt dem bloß einen anderen hohlen Satz entgegen: "Europa braucht den Euro nicht".

Selbst wenn dem so wäre – wir haben den Euro nun mal, und wie wir jetzt mit ihm und mit der Krise weiter umgehen, darauf hat auch Sarrazin keine Antwort. Stattdessen bietet er Plattitüden, denen man kaum widersprechen kann: Natürlich ist Europa mehr als der Euro, und auch Schweden , Tschechen und Briten sind Europäer. Vorschläge, welche die Probleme in Griechenland und Portugal lösen würden? Fehlanzeige. Letztlich begnügt Sarrazin sich mit der fatalistischen Aussage, der Euro werde irgendwann untergehen. Dass damit unwägbare Folgen für den Kontinent verbunden wären, verschweigt der Provokateur. Womöglich ist das schlimmer als der Satz mit dem H-Wort.